{"id":1063,"date":"2018-02-25T16:20:55","date_gmt":"2018-02-25T15:20:55","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.adrianheine.de\/?p=1063"},"modified":"2018-02-25T16:32:25","modified_gmt":"2018-02-25T15:32:25","slug":"die-maenner-in-stranger-things","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.adrianheine.de\/?p=1063","title":{"rendered":"Die M\u00e4nner in Stranger Things"},"content":{"rendered":"<p>Ich habe vor kurzem die ersten beiden Teile von Stranger Things geguckt. Einer der Aspekte die ich an der Serie besonders mag, sind die M\u00e4nner-Rollen. Die M\u00e4nner und m\u00e4nnlichen Jugendlichen in Stranger Things wirken auf mich in ihrer Vielfalt und Tiefe nicht einfach nur erfrischend, sondern haben mir geradezu schmerzhaft deutlich gemacht, was (mir) so fehlt in Filmen und Serien. Ich picke relativ willk\u00fcrlich aus, wer mir beim Gucken aufgefallen ist, und analysiere nicht vollst\u00e4ndig. Au\u00dferdem lasse ich alles andere, was gro\u00dfartig oder auch nicht ist an Stranger Things, aus. Der Text verr\u00e4t so wenig wie m\u00f6glich \u00fcber die eigentliche Handlung.<!--more--><\/p>\n<p>Allgemein sind die M\u00e4nner-Figuren vielschichtig, sie haben verschiedene Fehler und Probleme; die Serie l\u00e4sst sie aber so sein wie sie sind, ohne ihre Probleme in den Mittelpunkt zu r\u00fccken, ohne sie retten oder heilen zu m\u00fcssen, und ohne ihnen deshalb ihren Wert abzusprechen oder sie auf ihre Probleme zu reduzieren. Jonathan Byers darf ein nerdiger High-School-Outcast bleiben, und muss nicht zum Liebling aller werden. Billy Hargrove kann Gewalt erfahren und aus\u00fcben, ohne dass seine Stellung eindeutig gekl\u00e4rt wird \u2013 es ist eben kompliziert, und muss trotzdem nicht gel\u00f6st werden.<\/p>\n<p>Im Kontrast dazu erscheinen mir zwei Arten von M\u00e4nnerrollen in popul\u00e4rer Kultur stark \u00fcberrepr\u00e4sentiert. Zum einen ist da die ungebrochene, unhinterfragt dominante M\u00e4nnlichkeit. Das sind M\u00e4nner, die F\u00fchrungsrollen und vollst\u00e4ndige Aufmerksamkeit beanspruchen und diesen Anspruch konsistent durch entsprechendes (hyper-m\u00e4nnliches) Verhalten rechtfertigen. Solche M\u00e4nner durchlaufen Krisen und k\u00f6nnen b\u00f6se sein, aber es steht nie in Frage, weshalb sie Hauptperson eines Films oder einer Serie sind. Sie sind <em>wer<\/em>, sie gestalten ihre Welt, sie retten oder versuchen zu zerst\u00f6ren.<\/p>\n<p>Wie eine Antwort darauf erscheint mir die defizit\u00e4re, dominante M\u00e4nnlichkeit. Das sind M\u00e4nner, die gerade keine solchen Eigenschaften haben, aber trotzdem eine Hauptrolle beanspruchen (und bekommen). Es sind allt\u00e4gliche(re), realit\u00e4tsnahe(re) Personen, deren Erleben jedoch dargstellt wird als w\u00e4ren sie Super-Helden und -B\u00f6sewichte. Das archetypische Beispiel f\u00fcr diese Art der Darstellung von M\u00e4nnlichkeit ist f\u00fcr mich Tom Cruise als Ray Ferrier in Steven Spielbergs Krieg der Welten. Ray ist \u2013 vor allem als Vater \u2013 gescheitert. Er leistet, wie der Rest der Menschheit, keinen relevanten Beitrag zur Bek\u00e4mpfung der Bedrohung. Dennoch ist er unhinterfragt als Hauptperson und Held der Geschichte, als w\u00fcrde er in Will-Smith-Manier am 4. Juli den entscheidenden Schlag gegen die au\u00dferirdische Invasion durchf\u00fchren. Tom Cruises Charakter wirkt wie ein Vers\u00f6hnungsangebot Hollywoods an all die M\u00e4nner, die sich an den ansonsten angebotenen \u00fcber_mensch_m\u00e4nn_lichen Rollenbildern messen und zwangsweise daran scheitern m\u00fcssen. Anstatt mit der grunds\u00e4tzlichen Idee m\u00e4nnlichen F\u00fchrungsanspruchs zu brechen, ist die Botschaft jedoch, dass alle M\u00e4nner es verdienen, wie Held_innen behandelt zu werden, selbst wenn sie es nicht mal hinkriegen, ein Brot f\u00fcr ihre Kinder zu schmieren.<\/p>\n<p>Eine Person, die ich sehr mochte, ist <strong>Steve Harrington<\/strong>. Zu Beginn wirkt er wie ein typischer High-School-Bully. Anders als andere Protagonisten, die so anfangen, \u00e4ndert er sein Verhalten jedoch nicht durch und f\u00fcr eine romantische Beziehung (auch wenn die den Ansto\u00df bietet), sondern aus eigener \u00dcberzeugung. Seiner Entwicklung wird weder in der Serie noch in der Handlung gro\u00dfer Raum geboten, und weder Zeitgenoss_innen noch Zuschauer_innen m\u00fcssen viel emotionale Arbeit investieren, einen gewaltt\u00e4tigen Unsympathling in einen Helden zu verwandeln. Diese Arbeit wird ihm selbst \u00fcberlassen, und er kann sie auch alleine \u00fcbernehmen, da er sich nicht <em>f\u00fcr<\/em> etwas ver\u00e4ndert. Au\u00dferdem \u2013 und das ist bei Stranger Things von gro\u00dfer Relevanz \u2013 nimmt Steve die Kinder ernst.<\/p>\n<p>Einer der wenigen Erwachsenen die das auch tun (nach <strong>Joyce Byers<\/strong>) ist <strong>Jim Hopper<\/strong>. An Jim mag ich, dass seine Rolle eine gro\u00dfe Entwicklung durchmacht, ohne dass er als Person sich ver\u00e4ndern muss; er ist ausreichend vielschichtig gezeichnet, um viele unterschiedliche und widerspr\u00fcchliche Interaktionen und Verhaltensweisen zu erm\u00f6glichen. Au\u00dferdem hat er gro\u00dfe Probleme, ohne dass er ausschlie\u00dflich dar\u00fcber definiert wird oder es wie eine unglaubw\u00fcrdige Erg\u00e4nzung, um ihn mit mehr Tiefe zu versehen, wirkt. Eine F\u00e4higkeit, die ich besonders an ihm mag, ist, dass er Leute ernst nimmt, seien es die Kinder, die Jugendlichen oder Joyce \u2013 auch Leute, denen er in dem Moment nicht glaubt.<\/p>\n<p><iframe width=\"560\" height=\"315\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/k5oHsnspdY8\" frameborder=\"0\" allowfullscreen title=\"Szene zwischen Ted und Dustin\"><\/iframe><\/p>\n<p><strong>Ted Wheeler<\/strong> ist der Hauptgrund f\u00fcr diesen Blogpost. Ted ist eine Nebenfigur. Er ist kein gro\u00dfartiger Vater, er ist wahrscheinlich kein gro\u00dfartiger Ehemann. Er bemerkt nicht viel, er reagiert nicht besonders, er vertraut Beh\u00f6rden. Ted wird eindeutig als mangelhaft dargestellt, aber die Serie h\u00e4lt es aus, ihn so zu lassen wie er ist. Er muss nicht \u00fcber sich hinaus wachsen, er muss kein B\u00f6sewicht werden, er muss nicht als moralisch verkommen dargestellt werden. Er ist ein gew\u00f6hnlicher Mensch, keine unabgeschlossene Aufgabe auf der Todoliste der Serienmacher_innen.<\/p>\n<p>Was dabei leicht untergeht: Ted hat wesentliche positive Eigenschaften, die vielen M\u00e4nnern \u2013 gleich ob Helden oder heldenhaften Versagern \u2013 abgehen: Er ist konsistent und vorhersehbar. Manipulative Beziehungen zeichnen sich h\u00e4ufig nicht dadurch aus, dass eine Person eine andere permanent schlecht behandelt, sondern, dass sie willk\u00fcrlich und unvorhersehbar handelt. \u00dcber Ted wird keine_r sagen m\u00fcssen dass er doch auch gute Seiten habe oder doch auch ganz nett sein kann. Keine_r muss sich Hoffnungen machen dass Ted doch irgendwann wieder so wird wie fr\u00fcher. Keine_r muss sich verzweifelt bem\u00fchen, Ted alles recht zu machen, um doch immer wieder entt\u00e4uscht zu werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe vor kurzem die ersten beiden Teile von Stranger Things geguckt. 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