{"id":1080,"date":"2019-05-10T22:54:34","date_gmt":"2019-05-10T21:54:34","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.adrianheine.de\/?p=1080"},"modified":"2019-05-10T22:54:34","modified_gmt":"2019-05-10T21:54:34","slug":"gleichmacherei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.adrianheine.de\/?p=1080","title":{"rendered":"Gleichmacherei"},"content":{"rendered":"<p>Ich bin grunds\u00e4tzlich sehr davon \u00fcberzeugt, von Unterschiedlichkeit zwischen Personen auszugehen, sie anzustreben und als gesellschaftliche Ressource zu verstehen; davon, dass Menschen in Gruppen unterschiedliche Rollen haben; davon, dass Beziehungen asymmetrisch sind und sich wandeln. Ich habe aber zunehmend das Gef\u00fchl, dass diese \u00dcberzeugung von mir und anderen und allgemein gesamtgesellschaftlich und in emanzipatorischen Kreisen genutzt wird, um Machtverh\u00e4ltnisse leichter verdaulich zu machen und unterschiedliche Zug\u00e4nge zu Ressourcen zu festigen. Daher tendiere ich dazu, zumindest als Zwischenschritt Strukturen und Prozesse einzusetzen, die dazu anregen bzw. teilweise erzwingen, dass alle auf gleiche Art beteiligt sind; die nicht auf Freiwilligkeit und Eigeninitiative basieren. Im Einzelnen sind diese Regelungen glaube ich recht bekannt und gut verstanden, aber zusammen ergeben sie f\u00fcr mich ein Muster, das mich zweifeln l\u00e4sst wie viel auf Unterschiedlichkeiten eingehen ich eigentlich sinnvoll finde.<!--more--><\/p>\n<p>In selbstorganisierten Gruppen ist es meiner Erfahrung nach \u00fcblich, dass es kaum formale Regelungen daf\u00fcr gibt, wie und auf welche Art alle sich beteiligen. Manchmal ist die regelm\u00e4\u00dfige Teilnahme am Plenum oder vielleicht die Mitarbeit in einer Arbeitsgruppe verpflichtend. Wer wie viel redet wird vielleicht mit Redeliste und Moderation in einem gewissen Rahmen gehalten. Als Gegenbeispiel kenne ich in Plena sogenannte \u00bbRunden\u00ab, bei denen alle dazu angehalten sind, etwas zu einem Thema oder einer Frage zu sagen (idealerweise haben dabei langsamere Menschen genug Zeit zum Denken und Reden, und dominantere werden durch eine gewisse zeitliche und thematische Vorgabe begrenzt).<\/p>\n<p>Bei Selbstorganisierung werden anstehende Aufgaben oft freiwillig \u00fcbernommen. Bei Aufgaben die als schwierig, wichtig oder voraussetzungsvoll angesehen werden hei\u00dft das meistens, dass sie von denen gemacht werden, die sich mit dem Thema schon auskennen oder besch\u00e4ftigt haben, die Zeit haben, die sich die Aufgabe unmittelbar zutrauen zu \u00fcbernehmen, die die n\u00f6tigen Kontakte haben. Andere Aufgaben werden dann von denen erledigt, die sich die \u00bbschwierigen\/wichtigen\u00ab Aufgaben nicht zutrauen, die ein schlechtes Gewissen haben, die darunter leiden w\u00fcrden wenn etwas nicht passieren w\u00fcrde, die es f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich halten, anstehende Aufgaben zu erledigen. Diese Verteilung reproduziert sich selbst, denn wer sich mit einem Thema besch\u00e4ftigt, findet in diesem Bereich immer wieder neue Aufgaben und ist dank gesammelter Erfahrung und Selbstvertrauen auch immer wieder die geeignetste Person, diese zu erledigen.<\/p>\n<p>Dieses Muster ist schlecht f\u00fcr Gruppen: Es konzentriert Wissen und Erfahrung in Einzelnen, die schwer ersetzbar werden; Es erschwert das Entstehen gemeinsamer Vorstellungen in der Gruppe, da Erfahrungen und Zug\u00e4nge zu Fragestellungen unterschiedlich und auf Einzelne beschr\u00e4nkt bleiben. Es ist auch schlecht f\u00fcr Einzelpersonen, da sie \u00fcber Gruppen hinweg immer wieder in den selben Rollen landen und keine Erfahrungen und kein Vertrauen in die eigenen F\u00e4higkeiten sammeln k\u00f6nnen. Zuletzt ist es auch gesamtgesellschaftlich sch\u00e4dlich, da es Expert_innentum und darausfolgend Expert_innenl\u00f6sungen produziert.<\/p>\n<p>Dabei gibt es noch ein paar spannende Details, die selbst bei irgendwie \u00bbgleicher\u00ab Verteilung Unterschiede reproduzieren, weil sie Ungleiches gleich erscheinen lassen. Zum Beispiel k\u00f6nnte eine Gruppe gemeinsam eine Aufgabe \u00fcbernehmen, aber die Unteraufgaben wieder unterschiedlich verteilen. Oder immer die selben machen eine neue Aufgabe am Anfang, und immer die selben \u00fcbernehmen sie dann, werden eingewiesen und machen sie wie vorgegeben weiter. Oder Menschen \u00fcbernehmen eine Aufgabe immer in einem bestimmten Kontext, zum Beispiel in dem sie nur sonntags kochen oder nur die Vollversammlung moderieren.<\/p>\n<p>In Lebensgemeinschaften, Familien, WGs, gemeinsamen Haushalten versuchen Leute h\u00e4ufig bewusst, Aufgaben nach einem gewissen Schl\u00fcssel zu verteilen. Oft streben sie eine Gleichverteilung der Belastung an, die sie \u00fcber die Zeitdauer, die etwas braucht, messen \u2013 oder realistischerweise: sch\u00e4tzen. Dabei f\u00e4llt zum Beispiel unter den Tisch, wie viel Arbeit es macht, anstehende Aufgaben im Kopf zu behalten, Unerledigtes wahrzunehmen oder in Bereitschaft zu sein. Auch, wie anstrengend oder regenerierend T\u00e4tigkeiten jeweils sind, wird beim Vergleich \u00fcber die Zeitdauer nicht ber\u00fccksichtigt. Es gibt einen sehr gro\u00dfartigen Comic von Emma dazu: <a href=\"https:\/\/english.emmaclit.com\/2017\/05\/20\/you-shouldve-asked\/\">\u00bbYou should have asked\u00ab<\/a>. In der <time datetime=2019-05>aktuellen<\/time> Ausgabe der an.schl\u00e4ge ist der Artikel \u00bbFingern\u00e4gel &#038; Mental Load \u2013 Die neuen V\u00e4ter sind oft auch nicht besser.\u00ab von Lea Susemichel abgedruckt, der diesen Umstand auch gut beschreibt. Auch diese Verh\u00e4ltnisse lassen sich glaube ich nicht durch frei(willig)e Verteilung von Aufgaben ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Sich um eine andere Person direkt k\u00fcmmern machen Menschen auch unterschiedlich viel, und dass das tendenziell nicht zuf\u00e4llig verteilt sondern zum Beispiel geschlechtsspezifisch ist sollte klar sein. Auch hierbei reicht es meiner Meinung nach aber nicht, F\u00fcrsorge irgendwie mengenm\u00e4\u00dfig zu betrachten. Eine Person kann sich zum Beispiel sehr viel um andere k\u00fcmmern, aber sich dabei auf Menschen die neu in ihrem Leben sind konzentrieren; oder die Menschen denen es gerade gut geht; oder die Menschen denen es gerade schlecht geht. Diese Verhaltensweisen tendieren alle dazu, unausgewogene Beziehungen zu produzieren. Menschen k\u00f6nnen sich auch im Alltag sehr gro\u00dfartig um Andere k\u00fcmmern, aber in Krisen immer von den Anderen erwarten, dass sie die Situation aufl\u00f6sen. Und es gibt auch wieder mehr und weniger wahrnehmbare Arten, f\u00fcr andere Menschen emotional zu sorgen: St\u00e4ndig andere mitdenken ist sehr anstrengend, wirkt aber nicht wie Arbeit. Ein intensives Gespr\u00e4ch \u00fcber die Probleme einer Person f\u00fchren bleibt in Erinnerung, auch wenn es nur kurze Zeit Arbeit bedeutet. Ich habe noch keine Idee, durch was f\u00fcr Strukturen sich solche Verh\u00e4ltnisse aufbrechen lassen.<\/p>\n<p>Karl Marx schrieb: \u00bbJeder nach seinen F\u00e4higkeiten, jedem nach seinen Bed\u00fcrfnissen!\u00ab Das ist immer noch meine Utopie, aber was Menschen an F\u00e4higkeiten erwerben, was sie f\u00fcr ihre Bed\u00fcrfnisse halten und wie viel Komfort sie erwarten ist nicht zuf\u00e4llig verteilt. Da gibt es viel zu v_erlernen und viele Gewohnheiten aufzubrechen.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr gleichmachende Regelungen benutzt ihr so (nicht)? Kennt ihr gute Texte oder Vortr\u00e4ge, die sich mit diesem Zwiespalt auseinandersetzen?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin grunds\u00e4tzlich sehr davon \u00fcberzeugt, von Unterschiedlichkeit zwischen Personen auszugehen, sie anzustreben und als gesellschaftliche Ressource zu verstehen; davon, dass Menschen in Gruppen unterschiedliche Rollen haben; davon, dass Beziehungen asymmetrisch sind und sich wandeln. Ich habe aber zunehmend das Gef\u00fchl, dass diese \u00dcberzeugung von mir und anderen und allgemein gesamtgesellschaftlich und in emanzipatorischen Kreisen &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/blog.adrianheine.de\/?p=1080\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">&#8222;Gleichmacherei&#8220;<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[165,3],"tags":[31,583,582,429,581,584],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.adrianheine.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1080"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.adrianheine.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.adrianheine.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.adrianheine.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.adrianheine.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1080"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/blog.adrianheine.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1080\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1082,"href":"https:\/\/blog.adrianheine.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1080\/revisions\/1082"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.adrianheine.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1080"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.adrianheine.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1080"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.adrianheine.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1080"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}