{"id":1086,"date":"2019-08-25T12:03:42","date_gmt":"2019-08-25T11:03:42","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.adrianheine.de\/?p=1086"},"modified":"2019-08-25T12:03:42","modified_gmt":"2019-08-25T11:03:42","slug":"queer-genug-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.adrianheine.de\/?p=1086","title":{"rendered":"Queer genug sein"},"content":{"rendered":"<p>Ich glaube, viele queere Menschen haben zeitweise das Gef\u00fchl, ihre Identit\u00e4t oder (Selbst-)Bezeichnung f\u00e4lschlich zu nutzen \u2013 manche nennen das \u00bbQueer impostor syndrome\u00ab. Ich m\u00f6chte ein paar \u00dcberlegungen zu Selbstdefinition, Normen, Passing, Zweifeln und meine eigenen Erfahrungen damit beschreiben. Warnung zum weiteren Inhalt: Ich f\u00fchre dieses Gef\u00fchl auf zum Teil internalisierte zum Beispiel sexistische Sortierungsmechanismen zur\u00fcck, und die werde ich beschreiben. Ich hoffe dass es f\u00fcr einige hilfreich ist, zu lesen, dass auch andere Menschen mit solchen Zweifeln k\u00e4mpfen, aber \u00fcberlegt ob grad der richtige Moment daf\u00fcr ist.<!--more--><\/p>\n<p style=\"font-style: italic\">Ich benutze \u00bbqueer\u00ab aus Mangel an Alternativen, obwohl weder ich noch die meisten an die ich beim schreiben denke einen Bezug zu der Komplexit\u00e4t dieses Begriffs und seiner Nutzung zur \u2013 gerade auch rassistischen \u2013 Abwertung und Ausgrenzung sowie Aneignung durch mehr und weniger Betroffene haben. Ich bin sehr offen f\u00fcr Alternativen, im Moment denke ich zum Beispiel \u00fcber \u00bbschr\u00e4g\u00ab (zu allgemein) und \u00bbandersrum\u00ab (zu spezifisch) nach.<\/p>\n<p>Es war meine politische \u00dcberzeugung, dass Identit\u00e4t etwas ist, \u00fcber das eine Person v\u00f6llige Definitionshoheit hat. Von au\u00dfen kamen nur die Konzepte und Begriffe, um diese Identit\u00e4t zu beschreiben. Was beschreibbar ist, formte in meiner Vorstellung selbstverst\u00e4ndlich mit, was denkbar ist, \u00e4nderte aber nichts daran, was wahr ist. Wenn das Au\u00dfen queere Identit\u00e4ten mit Gewalt zuwies, war das nur Gewalt. Wie Menschen mit ihrer Identit\u00e4t umgehen, wie viel sie davon erkennen und wie viel nach au\u00dfen tragen war eine andere Sache.<\/p>\n<p>Wer so oder \u00e4hnlich denkt, h\u00e4lt Queersein f\u00fcr etwas, von dem sich Menschen selbst \u00fcberzeugen m\u00fcssen \u2013 f\u00fcr manche ist das sehr einfach, f\u00fcr andere sehr schwer. Es bedeutet, dass eine queere Person diese \u00dcberzeugung selbst aufbringen und halten muss. Zus\u00e4tzlich zu der Belastung, nicht den Vorstellungen der Mehrheitsgesellschaft zu entsprechen, m\u00fcssen viele Queers auch noch st\u00e4ndig Energie daf\u00fcr aufwenden, sich selbst zu glauben wer sie sind.<\/p>\n<h3>Queere Normen<\/h3>\n<p>Dabei spielen bekannte, sichtbare, normierte Formen queerer Identit\u00e4t eine zwiesp\u00e4ltige, vielf\u00e4ltige Rolle. Sie helfen eigentlich nur denen, die eine solche Identit\u00e4t haben und sich mit der Art auf die sie dargestellt wird wohl f\u00fchlen. F\u00fcr die bietet es eine dringend n\u00f6tige externe Best\u00e4tigung und Sicherheit. Anders ist das f\u00fcr Menschen, deren Identit\u00e4t relativ pr\u00e4sent ist, aber nicht so dargestellt wird wie sie sie leben oder leben wollen. Dass ihre Identit\u00e4t bekannt und sichtbar ist, best\u00e4tigt nicht, sondern verunsichert zus\u00e4tzlich. Menschen, deren Identit\u00e4t selbst in queeren \u00d6ffentlichkeiten kaum pr\u00e4sent ist, sind weitgehend auf sich allein gestellt, was das Aufbringen innerer \u00dcberzeugung angeht.<\/p>\n<p>Ein kleiner Einschub: Statt die eigene Identit\u00e4t anzuzweifeln orientieren sich viele auch an diesen bekannten Identit\u00e4tsausdr\u00fccken \u2013 sie normieren und vereindeutigen sich selbst. Das ist auch ein Teil von \u00bbQueer Imposter Syndrome\u00ab.<\/p>\n<p>Solche Normen beeinflussen nicht nur, wie Menschen sich f\u00fchlen und verhalten, sondern auch, wie und ob sie wahrgenommen werden. Wer diesen Normen nicht entspricht, dessen queere Identit\u00e4t wird h\u00e4ufig \u00fcbersehen. Das betrifft zum Beispiel Bisexuelle, deren Bisexualit\u00e4t unsichtbar gemacht wird, feminin auftretende Lesben und queere Frauen, oder Lesben und Schwule die romantische oder sexuelle Beziehungen nicht nur mit Frauen bzw. M\u00e4nnern haben. Nicht als queer gesehen zu werden ist aber nicht nur etwas, das Menschen gegen ihren Willen passiert, sondern f\u00fcr viele auch essenzielle Sicherheitsvorkehrung. Egal ob selbstbestimmt oder nicht \u2013 wenn die eigene Identit\u00e4t von anderen nicht wahrgenommen wird, muss die Best\u00e4tigung dieser Identit\u00e4t um so mehr von eine*r selbst kommen, was wieder Zweifeln einen Raum bietet.<\/p>\n<p>Insgesamt zweifele ich gerade ziemlich an dem emanzipatorischen Wert normierter queerer Identit\u00e4ten. Mein Gef\u00fchl ist eher, dass sie dazu dienen, dem Abweichendsein einen Rahmen vorzugeben und im Gegenzug in allen anderen Bereichen Heteronormen durchzusetzen \u2013 \u00bbSt\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck ins Homogl\u00fcck\u00ab.<\/p>\n<h3>Gewalt als Teil queerer Identit\u00e4t<\/h3>\n<p>Was die Sache erschwert, ist der sehr reale Unterschied zwischen Identit\u00e4t und Erfahrungen. Als Hetera gelesen werden, als Mann behandelt werden oder f\u00fcr wei\u00df gehalten werden sorgt daf\u00fcr, dass Menschen nicht die selben (negativen) Erfahrungen machen wie viele (andere) Lesben, Frauen bzw. Schwarze und PoC. Diese Erfahrungen nicht zu teilen gibt den Selbstzweifeln eine argumentative Grundlage: Wie kann ich f\u00fcr mich selbst \u00bbentscheiden\u00ab, eine bestimmte marginalisierte Identit\u00e4t zu haben, wenn ich gar nicht auf die Art unter ihr leide oder gelitten habe wie die anderen? Noch schlimmer, wenn dieses Passing nicht unfreiwillig passiert(e), sondern teilweise als Selbstschutz aktiv angestrebt wird oder wurde.<\/p>\n<p>Die einfache Antwort ist, dass aus einer gemeinsamen Identit\u00e4t eben nicht identische Erfahrungen folgen \u2013 jede Person ist anders und erlebt andere Dinge. Das ist richtig, aber zu einfach: Was Menschen in dieser Hinsicht dazu bringt, ihr Queersein in Frage zu stellen, sind nicht (fehlende) Erfahrungen anderer Queers allgemein, sondern konkret fehlende negative Erfahrungen, nicht erlebte Gewalt und Abwertung. Queersein ist in der Vorstellung vieler so eng mit Gewalt erfahren verkn\u00fcpft, dass sich manche Menschen ihre eigene Identit\u00e4t nicht glauben, wenn sie nicht so wie andere leiden.<\/p>\n<p>Das sollte nicht so sein: Gewalt und Abwertung erleben ist vielleicht ein wesentlicher Teil queerer Erfahrung und kollektiver Erinnerung, aber kein verpflichtender Teil queerer Identit\u00e4t. Stattdessen k\u00f6nnten ja auch positive Aspekte wie Gemeinschaft oder Begehren queere Identit\u00e4t stabilisieren (und sind es f\u00fcr viele bestimmt auch).<\/p>\n<h3>Meine Erfahrungen<\/h3>\n<p>Bevor ich \u00fcber meine eigenen Erfahrungen schreibe, m\u00f6chte ich nochmal klarstellen: Diese Gedanken sind vielleicht \u00fcblich, es ist ok sie zu haben. Sie sind aber trotzdem falsch und selbstverletzend. W\u00fcrdet ihr einer lieben Freundin sagen dass sie nicht queer genug ist? Diese Gedanken st\u00fctzen sich auf die Idee, dass Queer sein Gewalt erleben bedeutet, auf Sexismus, auf Cis-Sexismus, Hetero-Sexismus, auf normative Vorstellungen von Begehren, Identit\u00e4t, von Queersein. Sie haben nicht recht.<\/p>\n<p>Und obwohl ich das wei\u00df, konnte ich f\u00fcr mich selbst eine queere Identit\u00e4t nicht nur aufgrund innerer \u00dcberzeugung annehmen. Ich musste erst aufgrund meiner Selbstwahrnehmung und meines Auftretens negative Erfahrungen machen und unter ihnen leiden, um queere Identit\u00e4ten f\u00fcr mich zu beanspruchen.<\/p>\n<p>Ich trage mittlerweile seit vielen Jahren, teilweise Jahrzehnten lange Haare, Nagellack und ausschlie\u00dflich R\u00f6cke oder Kleider. Mir war immer klar, dass das gef\u00e4hrlich ist, ich hatte immer \u00c4rger damit, aber ich habe das Wissen um diese Gefahr geradezu mit Stolz getragen, habe mich bis auf wenige Ausnahmen nicht davon einschr\u00e4nken lassen und bin keiner Auseinandersetzung aus dem Weg gegangen.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, ob sich mein Auftreten ver\u00e4ndert hat oder nur wie ich meine Erfahrungen bewerte. Da gab es die eine Woche, an deren Ende ich bemerkte, dass es keinen Tag ohne sexistischen Kommentar, Beleidigung, P\u00f6belei gab. Da war der Moment als ich die fragenden und provozierenden Kinder aus der Grundschule an der Ecke nicht mehr lustig fand, sondern Angst vor ihnen hatte. Da waren die Termine zu denen ich viel zu sp\u00e4t kam, weil ich nicht einfach irgendwas aus dem Schrank nehmen und anziehen konnte. Da war der Gedanke, dass ich das eine oder andere Kleid vielleicht einfach nicht mehr alleine in der U-Bahn tragen m\u00f6chte. Da war die Erkenntnis, dass ich nicht einfach auf OkCupid eine Hetera kennenlernen und davon ausgehen k\u00f6nnte, grunds\u00e4tzlich kompatible Vorstellungen einer romantischen oder sexuellen Beziehung zu haben.<\/p>\n<p>Das f\u00fchrt zu der paradoxen Situation, dass ich mehr in der Lage bin mir meine Identit\u00e4t selbst zuzugestehen, je weniger ich mich frei f\u00fchle, sie auszudr\u00fccken. Ich konnte erst anfangen, die Ressourcen die Queers f\u00fcr sich geschaffen haben \u2013 wie zum Beispiel Selbstbezeichnungen \u2013 in Anspruch zu nehmen, als ich anfing, auf mich bezogene Queerfeindlichkeit nicht nur zu erleben, sondern auch unter ihr zu leiden. Ich konnte mich erst davon \u00fcberzeugen, kein heterosexueller Cis-Mann zu sein, als mir die Welt da drau\u00dfen unmissverst\u00e4ndlich mitteilte, dass ich in ihren Augen keiner bin.<\/p>\n<p style=\"font-style: italic\">Christian Schmacht hat eine fr\u00fchere Version dieses Textes gelesen und wertvolle Kommentare abgegeben, die ich teilweise eingearbeitet habe. Danke daf\u00fcr!<\/p>\n<h3>Links<\/h3>\n<p>Ich habe w\u00e4hrend des Schreibens einige Texte \u2013 leider alle englischsprachig \u2013 gelesen in denen Leute aus unterschiedlichen Perspektiven \u00fcber Queer Impostor Syndrome schreiben:<\/p>\n<ul>\n<li>Corinne Werder: \u00bb<a href=\"http:\/\/gomag.com\/article\/experiencing-imposter-syndrome-as-a-queer-femme\/\">Is The Imposter Syndrome Experienced By Queer Femmes A Result Of Toxic Masculinity?<\/a>\u00ab<\/li>\n<li>J.K Pendragon: \u00bb<a href=\"https:\/\/jkpendragon.com\/2014\/10\/18\/imposter-syndrome-being-femme-and-non-binary\/\">Imposter Syndrome, Being Femme and Non-binary<\/a>\u00ab \u00fcber Femininit\u00e4t und Non-Binary-Sein und Selbstnormierung\n<\/li>\n<li>Kristi: \u00bb<a href=\"https:\/\/butchplease.net\/2016\/05\/14\/complex-queerness-and-imposter-syndrome\/\">Complex Queerness and Imposter Syndrome<\/a>\u00ab \u00fcber Bisexualit\u00e4t und Feminit\u00e4t<\/li>\n<li>Koa Beck: \u00bb<a href=\"https:\/\/www.salon.com\/2013\/12\/09\/passing_for_white_and_straight_how_my_looks_hide_my_identity\/\">Passing for white and straight: How my looks hide my identity<\/a>\u00ab dar\u00fcber, als Schwarze Lesbe oft f\u00fcr eine wei\u00dfe Hetera gehalten zu werden\n<\/li>\n<li>Skylar Fox: \u00bbPassing Privilege and Queer Impostor Syndrome\u00ab (<a href=\"https:\/\/disruptingdinnerparties.com\/2014\/01\/09\/passing-privilege-and-queer-impostor-syndrome-part-1\/\">Teil 1<\/a> und <a href=\"https:\/\/disruptingdinnerparties.com\/2014\/02\/05\/passing-privilege-and-queer-impostor-syndrome-part-2\/\">Teil 2<\/a>) \u00fcber queere Identit\u00e4t angesichts gro\u00dfer Privilegien<\/li>\n<li>Gregory Avery-Weir: \u00bb<a href=\"https:\/\/ludusnovus.net\/2016\/10\/28\/breaking-down-at-sex-down-south\/\">Breaking Down at Sex Down South<\/a>\u00ab \u00fcber die Schwierigkeit, angesichts negativer Erfahrungen Anderer die eigene Identit\u00e4t und eigenen Erfahrungen ernst zu nehmen<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich glaube, viele queere Menschen haben zeitweise das Gef\u00fchl, ihre Identit\u00e4t oder (Selbst-)Bezeichnung f\u00e4lschlich zu nutzen \u2013 manche nennen das \u00bbQueer impostor syndrome\u00ab. Ich m\u00f6chte ein paar \u00dcberlegungen zu Selbstdefinition, Normen, Passing, Zweifeln und meine eigenen Erfahrungen damit beschreiben. Warnung zum weiteren Inhalt: Ich f\u00fchre dieses Gef\u00fchl auf zum Teil internalisierte zum Beispiel sexistische Sortierungsmechanismen &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/blog.adrianheine.de\/?p=1086\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">&#8222;Queer genug sein&#8220;<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[165,3],"tags":[588,31,585,586,587,402],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.adrianheine.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1086"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.adrianheine.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.adrianheine.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.adrianheine.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.adrianheine.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1086"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/blog.adrianheine.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1086\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1092,"href":"https:\/\/blog.adrianheine.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1086\/revisions\/1092"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.adrianheine.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1086"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.adrianheine.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1086"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.adrianheine.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1086"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}