{"id":1110,"date":"2021-08-27T19:03:43","date_gmt":"2021-08-27T18:03:43","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.adrianheine.de\/?p=1110"},"modified":"2021-08-27T19:03:43","modified_gmt":"2021-08-27T18:03:43","slug":"lesenotizen-zu-frances-war-in-the-sahel-and-the-evolution-of-counter-insurgency-doctrine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.adrianheine.de\/?p=1110","title":{"rendered":"Lesenotizen zu \u00bbFrance\u2019s War in the Sahel and the Evolution of Counter-Insurgency Doctrine\u00ab"},"content":{"rendered":"<p>Ich hab heute via <a href=\"https:\/\/acoup.blog\/2021\/08\/27\/fireside-friday-august-27-2021\/\">ACOUP<\/a> Michael Shurkins <a href=\"https:\/\/repositories.lib.utexas.edu\/handle\/2152\/84736\">\u00bbFrance\u2019s War in the Sahel and the Evolution of Counter-Insurgency Doctrine\u00ab<\/a> gelesen. Es handelt sich dabei um einen l\u00e4ngeren Artikel zu franz\u00f6sischen und allgemein westlichen Milit\u00e4reinsatzen in sp\u00e4t- und postkolonialer Zeit anhand eines aktuellen Einsatzes in Zentralafrika aus Sicht eines b\u00fcrgerlichen Politikwissenschaftlers. Meine (nicht ersch\u00f6pfenden) Lesenotizen sind dabei so umfangreich geworden dass ich sie schnell hier ver\u00f6ffentliche. Am Ende kommen noch kurz ein paar Gedanken von mir dazu.<!--more--><\/p>\n<p>Die (sp\u00e4t-)koloniale \u00bbCounter-Insurgence\u00ab-Doktrin (COIN) hatte als Ziel, die eigene Position und Legitimit\u00e4t zu festigen, in dem der Ausgangszustand als problematisch betrachtet wurde und durch nicht rein-milit\u00e4rische Ma\u00dfnahmen ver\u00e4ndert werden sollte. Post-koloniale Interventionen sind demgegen\u00fcber davon gepr\u00e4gt, einen bestimmten Zustand durch minimale, haupts\u00e4chlich milit\u00e4rische Eingriffe wieder herzustellen.<\/p>\n<p>Die erste Generation von COIN bestand darin, den Fokus von Armeen und Schlachten auf Bev\u00f6lkerung zu legen, durch Razzien (Terror-Unternehmen gegen die Zivilbev\u00f6lkerung) und Bureaux Arabes (Lokal verankerte Milit\u00e4rpolizeien). Die zweite Generation legte zumindest rhetorisch starken Fokus auf den (Wieder-)Aufbau und entwickelte das Konzept der Oil Spots, Bereiche die als erstes gesichert und stark zivil aufgebaut, milit\u00e4risch verteidigt und geheimdienstlich \u00fcberwacht werden. Durch mangelnde Ressourcenzuteilung mussten COIN-Operationen und allgemein Operationen in den Kolonien mit wenigen, leichten Truppen arbeiten, viele lokale Kr\u00e4fte einbinden und gegeneinander ausspielen und wenig erfahrenen Offizieren weitgehend freie Hand zur Erreichung ihrer Ziele lassen.<\/p>\n<p>In der dritten Generation (haupts\u00e4chlich Indochina-Krieg) war dieser Widerspruch zwischen wenigen Ressourcen (durch mangelnde politische Unterst\u00fctzung) aber gro\u00dfen (milit\u00e4rischen) Zielen am deutlichsten. Irregul\u00e4re Truppen wurden umfangreich eingesetzt. Es bestand Unklarheit in den Zielen: Dienten die Kriege der Erhaltung des Kolonialreiches oder der Entwicklung formal unabh\u00e4ngiger nicht-kommunistischer postkolonialer Staaten? Au\u00dferdem gab es Uneinigkeit ob strategisch milit\u00e4rische Sicherheit oder ideologische Beeinflussung der Zivilbev\u00f6lkerung im Vordergrund stehen sollte. Beide Seiten der Debatte waren sich aber einig, dass den Aufst\u00e4ndischen teilweise entgegengekommen werden sollte, auf der einen Seite durch Nachahmung ihrer milit\u00e4risch-zivilen Organisationsform, auf der anderen durch politische Reformen; keinesfalls jedoch sollte Macht abgegeben werden. Im Algerienkrieg wurden \u00bbsections administratives sp\u00e9cialis\u00e9es\u00ab eingesetzt, wiederum eine lokal verankerte Milit\u00e4rpolizei die L\u00fccken in der Kolonialverwaltung f\u00fcllen sollte. Der Widerspruch zwischen den \u00bbK\u00e4mpferischen\u00ab und den \u00bbPsychologischen\u00ab war noch pr\u00e4senter. Der Algerienkrieg endete mit der politischen Entscheidung Frankreichs, sich trotz milit\u00e4rischen Erfolgs zur\u00fcckzuziehen \u2013 wieder der Widerspruch zwischen politischen und milit\u00e4rischen Zielen. In diesen letzten Kolonialkriegen wurden lokale Kollaborateure nach dem R\u00fcckzug der Kolonialmacht ihrem Schicksal \u00fcberlassen.<\/p>\n<p>Die moderne franz\u00f6sische Milit\u00e4rf\u00fchrung besteht aufgrund dieser Erfahrungen darauf, milit\u00e4rische mit politischen Zielen in Einklang zu bringen (um entsprechende Ressourcen zu haben). Das Ziel ist meist eine vorgeblich unpolitische (Wieder-)Herstellung oder Stabilisierung einer bestimmten Ordnung. Das L\u00f6sen von zugrundeliegenden Konflikten oder das langfristige Verankern werden anderen \u00fcberlassen. Konflikte werden damit nicht mehr als politisch, sondern als technische Probleme betrachtet, und Interventionen als neutrale Verwaltungsakte.<\/p>\n<p>Weiterhin liegt der Fokus auf der Zivilbev\u00f6lkerung, dabei wird sich stark auf NGOs und die Arbeit anderer ziviler Akteure gest\u00fctzt, sowohl im eigentlichen Konflikt als auch beim F\u00fcllen von L\u00fccken. Als entscheidend wird nicht die Phase milit\u00e4rischer Auseinandersetzungen, sondern die darauffolgende Stabilisierungsphase betrachtet. Aufst\u00e4ndische werden wesentlich dadurch bek\u00e4mpft, dass ihre Verankerung in der Zivilbev\u00f6lkerung zerst\u00f6rt wird. Bei milit\u00e4rischen Handlungen wird die Gesamtwirkung, nicht nur die rein milit\u00e4rische, ber\u00fccksichtigt, und sie sollen m\u00f6glichst wenig gewaltt\u00e4tig sein. Weiterhin wird die Oil-Spot-Strategie verfolgt, bei der kleine, langsam erweiternde, zivil-milit\u00e4risch gesicherte Bereiche hergestellt werden und der Rest des Einsatzgebiets von sehr mobilen Einheiten eher milit\u00e4risch bearbeitet wird.<\/p>\n<p>In Afghanistan hat der Verlust von Soldat_innen im Verlauf des Einsatzes dazu gef\u00fchrt, dass in der Praxis eine wesentlich statischere Strategie mit Befestigungen und Unterst\u00fctzungseinheiten genutzt wurde. Parallel besch\u00e4ftigte sich die Milit\u00e4rtheorie damit, Ziel und Umfang von Milit\u00e4reins\u00e4tzen weiter zu begrenzen und sie kategorisch den vor Ort herrschenden Strukturen unterzuordnen. Der Widerspruch, dass die vor Ort herrschenden Strukturen nicht dazu in der Lage sind, zugrundeliegende Konflikte zu l\u00f6sen \u2013 obwohl das als klares Ziel von Operationen gesetzt ist \u2013, wird dabei nicht aufgel\u00f6st.<\/p>\n<h2>Anmerkungen von mir<\/h2>\n<p>Ich hab mich bisher gar nicht mit milit\u00e4rischer Aufstandsbek\u00e4mpfung besch\u00e4ftigt. Spannend fand ich wie selbst aus b\u00fcrgerlicher Sicht Milit\u00e4r, Polizei, Verwaltung und soziale Einrichtungen gleicherma\u00dfen Elemente von Aufstandsbek\u00e4mpfung sind und im Gegenzug die Grenzen zwischen milit\u00e4rischen Gegner_innen und Zivilbev\u00f6lkerung verwischt werden. Wobei sich das in diesem Fall nur auf Auseinandersetzungen \u00bbwoanders\u00ab bezieht, wo durch die Oil-Spot-Methode zwar punktuell ein zu sch\u00fctzendes Drinnen und ein Drau\u00dfen, in dem frei milit\u00e4risch verfahren werden kann, erzeugt wird. Die Sicherheit ist dabei aber eine Illusion, da auch das Drinnen weiterhin Teil des Einsatzgebiets ist und jederzeit ohne gro\u00dfe politische Konsequenzen aufgegeben werden kann.<\/p>\n<p>Anders verh\u00e4lt es sich mit Verlusten unter eigenen regul\u00e4ren Soldat_innen, die haben einen starken Einfluss auf die politische Einsatzbereitschaft eines Milit\u00e4rs. Allgemein erscheint mir Milit\u00e4r politisch und industriell weiterhin hochrelevant, in eigentlichen milit\u00e4rischen Auseinandersetzungen aber beeindruckend unf\u00e4hig. Das ist vielleicht auch vor dem Hintergrund von ACOUPs aktuellen Texten zum Strategiespiel Victoria II, vor allem den dar\u00fcber <a href=\"https:\/\/acoup.blog\/2021\/08\/20\/collections-teaching-paradox-victoria-ii-part-ii-the-ruin-of-war\/\">wie Krieg sich durch die industrielle Revolution im Vorfeld des Ersten Weltkriegs ver\u00e4ndert hat<\/a>.<\/p>\n<p>Und zuletzt frage ich mich wie Aufstandsbek\u00e4mpfung im Kernland aussieht und wie dort das Verh\u00e4ltnis zwischen Aufst\u00e4ndischen und Zivilbev\u00f6lkerung aus reaktion\u00e4rer Sicht aussieht. Passend dazu hab ich mich vor einiger Zeit durch <a href=\"https:\/\/soundcloud.com\/uebertage\/folge-8-anarchismus-und-maoismus\">eine Folge des anarchistischen Podcasts \u00dcbertage<\/a> mit dem <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Volkskrieg_(Maoismus)\">maoistischen Volkskrieg-Konzept<\/a> besch\u00e4ftigt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich hab heute via ACOUP Michael Shurkins \u00bbFrance\u2019s War in the Sahel and the Evolution of Counter-Insurgency Doctrine\u00ab gelesen. Es handelt sich dabei um einen l\u00e4ngeren Artikel zu franz\u00f6sischen und allgemein westlichen Milit\u00e4reinsatzen in sp\u00e4t- und postkolonialer Zeit anhand eines aktuellen Einsatzes in Zentralafrika aus Sicht eines b\u00fcrgerlichen Politikwissenschaftlers. 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