{"id":1126,"date":"2021-11-02T21:32:07","date_gmt":"2021-11-02T20:32:07","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.adrianheine.de\/?p=1126"},"modified":"2021-11-03T08:29:47","modified_gmt":"2021-11-03T07:29:47","slug":"eine-freie-selbstorganisierte-kennenlern-und-verabredeplattform","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.adrianheine.de\/?p=1126","title":{"rendered":"Eine freie, selbstorganisierte Kennenlern- und Verabredeplattform"},"content":{"rendered":"<p>Ich besch\u00e4ftige mich seit bald <time datetime=02-2020>zwei Jahren<\/time> mit einer Idee f\u00fcr eine freie, selbstorganisierte Kennenlern- und Verabredeplattform, also ungef\u00e4hr das was heutzutage als \u00bbDating App\u00ab bezeichnet wird.<!--more--><\/p>\n<h2>Kommerzielle Plattformen<\/h2>\n<p>Kommerzielle Datingplattformen haben in erster Linie das Ziel, f\u00fcr ihre Besitzer_innen Gewinn zu erwirtschaften. Bei manchen kostet jede Mitgliedschaft Geld, aber in den meisten F\u00e4llen ist die einfache Nutzung kostenfrei. Daf\u00fcr sind auf solchen Plattformen spezifische Funktionen nicht frei verf\u00fcgbar, sondern m\u00fcssen entweder als festes Paket im Abo gekauft werden, oder sogar jede einzelne Benuztung. Allgemein gilt, dass Nutzer_innen m\u00f6glichst viel auf der Plattform aktiv sein sollen, da sie das angebotene Produkt darstellen. Bei einer klassischen Datingplattform, die \u00fcberwiegend exklusive Beziehungen vermittelt hei\u00dft das \u00fcbersetzt: die Nutzer_innen sollen eigentlich nicht erfolgreich sein \u2013 sonst br\u00e4uchten sie die Plattform ja (zumindest f\u00fcr eine Weile) nicht. Das alleine stellt einen deutlichen Interessenskonflikt zwischen den Besitzer_innen und den Nutzer_innen dar.<\/p>\n<p>Die eigentlichen Kund_innen sind nur jene Nutzer_innen, die bezahlen \u2013 alle anderen sind bestenfalls potentielle Kundschaft, vor allem aber Produkt. Im Fall von Tinder bringt zum Beispiel nur ein Zehntel der Nutzer_innen Umsatz, und diese sind zu rund 70% M\u00e4nner. Kund_innen sind selbstverst\u00e4ndlich genauso vielf\u00e4ltig wie Nutzer_innen allgemein, aber unter ihnen gibt es zwei kleine, wesentliche Unterkategorien, die ich interessant finde: Whales und Abuser. Whales sind Personen, die sehr viel Geld ausgeben ohne dabei notwendigerweise erfolgreich zu sein. Der Begriff kommt urspr\u00fcnglich aus dem Gl\u00fccksspiel-Bereich, wird aber mittlerweile vor allem auf Nutzer_innen von Apps und Handyspielen angewendet. Dort beschreibt es jene rund 2% aller Nutzer_innen, die monatlich \u00fcber 100\u20ac ausgeben, teilweise auch viel mehr, und damit den Gro\u00dfteil der Einnahmen vieler Apps darstellen. Richard Garfield, der Erfinder von Magic: The Gathering, hat das Konzept f\u00fcr mich sehr anschaulich in seinem Text \u00bb<a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/notes\/richard-garfield\/a-game-players-manifesto\/1049168888532667\">A Game Player&#8217;s Manifesto<\/a>\u00ab (leider auf Facebook) beschrieben. Eher auf sozialen Plattformen sind Abuser eine relevante Kund_innenkategorie. F\u00fcr FetLife beispielsweise hat <a href=\"https:\/\/bandanablog.wordpress.com\/2015\/04\/30\/fetlifes-best-customers\/\">eine Datenanalyse ergeben<\/a>, dass unter zahlenden Nutzer_innen ein zehn mal so hoher Anteil als \u00fcbergriffig bekannt ist wie in der Gesamtmenge der Mitglieder. Anders als Whales sind Abuser eher bereit, Geld auszugeben, weil sie (ihrer Vorstellung nach) erfolgreich sind.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund wird verst\u00e4ndlich, warum kommerzielle Datingplattformen so gestaltet sind, wie sie es sind. Die kaufpflichtigen Funktionen sind zu gro\u00dfen Teilen entweder n\u00f6tig um die langfristige Nutzung \u00fcberhaupt erst ertr\u00e4glich zu machen (und sollen damit mehr zahlende Kundschaft anlocken), oder sprechen spezifisch Whales oder Abuser an. Die Moderation ist nicht nur kostensparsam, m\u00f6glichst automatisierbar, zum Beispiel basierend auf Tone policing und Respectability, sondern soll auch so wenig wie m\u00f6glich zahlende Accounts beeintr\u00e4chtigen oder verbrennen. Die Sicherheit der Nutzer_innen spielt keine Rolle, jedenfalls definitiv nicht die der Nichtzahlenden.<\/p>\n<p>An kommerziellen Datingplattformen ist f\u00fcr mich aber nicht nur problematisch, dass sie verkaufen, an wen, und wie, sondern auch, was das Produkt ist. Das beste Ergebnis, das bei der Benutzung einer kommerziellen Datingplattform vorgesehen ist, ist ein Match zwischen zwei Profilen. Die Frage, was diese beiden Leute eigentlich miteinander machen wollen, kommt gar nicht oder nur in den gr\u00f6bsten Kategorien vor. Obwohl der vorgebliche Zweck der Plattformen ist, Menschen dabei zu helfen andere kennenzulernen, lassen sie ihre Nutzer_innen genau an der Stelle alleine, wo aus einem Profil unter vielen ein echter Mensch wird und ein Kennenlernen stattfinden k\u00f6nnte. Hier verr\u00e4t sich, wie sehr das Matchen, nicht das darauffolgende interagieren, f\u00fcr Plattform-Besitzer_innen (und zunehmend Nutzer_innen) das eigentliche Ziel der Nutzung ist. Funktionieren tut das aber nur, weil alle Beteiligten die Illusion aufrechterhalten, dass es selbstverst\u00e4ndlich oder zumindest trivial aushandelbar w\u00e4re, was auf ein Matchen folgen k\u00f6nnte \u2013 je nach Plattform zum Beispiel spontaner Sex oder Treffen zur Aushandlung romantischer Beziehungen unterschiedlicher L\u00e4nge. Durch diese implizite Klarheit des M\u00f6glichen ersetzt das Matchen emotional f\u00fcr die Nutzer_innen die imaginierte soziale Handlung selbst, und erspart den Plattform-Besitzer_innen die Schm\u00e4lerung ihres Produkts: Ein Katalog oder Strom gleichf\u00f6rmiger, generischer Eintr\u00e4ge, der ein \u00fcberm\u00e4\u00dfiges Angebot f\u00fcr eine d\u00fcrre handvoll Bed\u00fcrfnisse vort\u00e4uscht. Zugrunde liegt eine Normativit\u00e4t, die zwar ggf. verschiedene Stufen auf dem Gradienten zwischen Gelegenheitssex und monogamer Beziehung f\u00fcrs Leben vorsieht, aber auf jeden Fall nicht davon ausgeht, dass eine Person Beziehungen in verschiedenen Farbt\u00f6nen sucht.<\/p>\n<p>Kommerzielle Datingplattformen reduzieren den Reichtum und die Vielfalt zwischenmenschlicher Beziehungen auf einen \u00e4rmlichen, <a href=\"https:\/\/offescalator.com\/what-escalator\/\">Relationship-Escalator<\/a>-kompatiblen Ausschnitt, die Unermesslichkeit sexueller und sozialer Bed\u00fcrfnisse und geschlechtlicher, kultureller, sozialer Identit\u00e4t auf ein paar Kategorien, um dann aus dieser Gleichf\u00f6rmigkeit heraus die Illusion von \u00dcberangebot und (miteinander konkurrierender) Auswahl zu erzeugen (Klassischer Kapitalismus-Move). Plattform-Nutzer_innen wie -Besitzer_innen haben erkannt, dass das reale Kennenlernen gegen\u00fcber dem abstrakten Best\u00e4tigtwerden zunehmend an Attraktivit\u00e4t verliert. Die zahlende Kundschaft \u2013 \u00fcberwiegend M\u00e4nner \u2013 wird gleichzeitig hofiert, gesch\u00fctzt und verarscht, denn gerade f\u00fcr Hetero-M\u00e4nner besteht absolut kein \u00dcberangebot. Alle anderen m\u00fcssen sowieso sehen wo sie bleiben. Kommerzielle Datingplattformen sind nicht daf\u00fcr geeignet und auch nicht daf\u00fcr gedacht, dass Menschen sich erfolgreich kennenlernen und eine sch\u00f6ne Zeit miteinander verbringen.<\/p>\n<h2>Meine Idee<\/h2>\n<p>Puh. Soweit zu meiner kurzen, zugespitzten Abrechnung mit kommerziellen Plattformen. Neben dieser Analyse war Captain Awkward eine wesentliche Inspiration f\u00fcr meine Idee. Sie hat <a href=\"https:\/\/captainawkward.com\/2018\/04\/02\/1094-how-do-i-answer-the-what-are-you-looking-for-in-a-relationship-question-when-im-not-sure-i-know\/\">in einem Blogpost empfohlen<\/a>, auf Datingplattformen m\u00f6glichst spezifisch die gerade gesuchte Beziehung zu beschreiben, statt sich generisch attraktiv darzustellen. Das w\u00fcrde unpassende Personen abschrecken und potentiell passende mehr ansprechen. Mein Gedanke war vor allem, dass dadurch Leute die sich finden auch eher eine Idee haben was sie miteinander anfangen k\u00f6nnen. Dazu kam in meinem Kopf die oft unter <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Beziehungsanarchie\">Beziehungsanarchie<\/a> verhandelte Idee, dass zwischenmenschliche Beziehungen sehr individuell und vielf\u00e4ltig sind und sich im Laufe der Zeit wandeln k\u00f6nnen, und sich nicht sauber in romantische, sexuelle und freundschaftliche aufteilen lassen.<\/p>\n<p>So stelle ich mir also insgesamt eine Plattform vor, auf der Menschen nach anderen Personen f\u00fcr bestimmte Aktivit\u00e4ten oder Beziehungen suchen k\u00f6nnen. Eine Plattform, die nicht unbedingt wachsen oder m\u00f6glichst viel Zeit ihrer Nutzer_innen fressen will; die die Sicherheit der Nutzer_innen in den Vordergrund stellt. Eine Plattform, die nicht alles auf diesen einen Moment des Matchens setzt und hofft, dass etwas Magisches passiert, sondern Beziehungen, die vor ihr anfingen oder nach ihr weitergehen erwartet und Menschen dazu einl\u00e4dt, sich mehrmals neu kennenzulernen und zu begegnen.<\/p>\n<p>Um mit Spa\u00df an dieser Plattform zu arbeiten und sie vielleicht sogar irgendwann zu starten suche ich Leute, die mit mir weiter daran forschen, \u00fcberlegen, planen, gestalten, programmieren, \u00fcbersetzen oder diskutieren wollen. Im Moment interessiert mich vor allem wie auf dieser Plattform Moderation, Gemeinschaft und Selbsterm\u00e4chtigung interagieren k\u00f6nnten, aber ich besch\u00e4ftige mich auch mit allen anderen Aspekten. Falls das f\u00fcr euch interessant klingt oder ihr Kommentare, Hinweise oder \u00dcberlegungen teilen wollt, <a href=https:\/\/adrianheine.de\/contact>schreibt mir gern eine Nachricht<\/a> oder hier einen \u00f6ffentlichen Kommentar.<\/p>\n<p>Danke an njan, Maren, Anna und noch eine Person f\u00fcr das gemeinsame \u00dcberlegen und Diskutieren zu diesem Thema!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich besch\u00e4ftige mich seit bald zwei Jahren mit einer Idee f\u00fcr eine freie, selbstorganisierte Kennenlern- und Verabredeplattform, also ungef\u00e4hr das was heutzutage als \u00bbDating App\u00ab bezeichnet wird.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3,22],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.adrianheine.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1126"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.adrianheine.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.adrianheine.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.adrianheine.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.adrianheine.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1126"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/blog.adrianheine.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1126\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1130,"href":"https:\/\/blog.adrianheine.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1126\/revisions\/1130"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.adrianheine.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1126"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.adrianheine.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1126"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.adrianheine.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1126"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}