{"id":504,"date":"2009-05-17T10:04:33","date_gmt":"2009-05-17T09:04:33","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.adrianlang.de\/?p=504"},"modified":"2009-06-29T18:34:04","modified_gmt":"2009-06-29T17:34:04","slug":"internetsperren-%e2%80%93-you%e2%80%98re-doing-it-wrong","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.adrianheine.de\/?p=504","title":{"rendered":"Internetsperren \u2013 You\u2018re doing it wrong!"},"content":{"rendered":"<p>Beim Nachdenken \u00fcber Internetsperren bin ich \u00f6fter zu dem Gedanken gekommen, unter welchen Umst\u00e4nden sie akzeptabel w\u00e4ren, oder zumindest weniger Widerstand hervorrufen w\u00fcrden. Ich finde die \u00dcberlegung ganz interessant, um sich deutlich zu machen, wie daneben die aktuellen Pl\u00e4ne sind.<!--more--><\/p>\n<p>Zuallererst erwarte ich, dass andere Ma\u00dfnahmen ergriffen wurden. Wenn Schritte, die mehr Erfolg versprechen oder ein besseres Verh\u00e4ltnis aus Erfolg und Kosten (finanzielle und in Form der Einschr\u00e4nkung anderer Rechtsg\u00fcter) bieten, nicht gegangen werden, sind die Forderungen unglaubw\u00fcrdig. Dann liegt viel mehr die Vermutung nahe, es w\u00fcrde sich um eine populistische Ma\u00dfnahme handeln. Im konkreten Fall hei\u00dft das bsw., dass Pr\u00e4vention durch Behandlung potentieller T\u00e4ter bisher praktisch nicht stattfindet. Ein zugegebenerma\u00dfen <a title=\"CareChild: \u201eJustizministerium verschwendet 750.000 EURO f\u00fcr dubioses P\u00e4dophilenprojekt der Charite\u201c\" href=\"\/\/carechild.de\/news\/politik\/justizministerium_verschwendet_750.000_euro_fuer_dubioses_paedophilenprojekt_der_charite_391_1.html\">umstrittenes<\/a> Projekt der Berliner Charit\u00e9 zu diesem Thema wird wohl gerade <a title=\"Tim: \u201eKein Geld mehr f\u00fcr &quot;Kein T\u00e4ter werden&quot;\u201c\" href=\"\/\/de.indymedia.org\/2008\/12\/236587.shtml\">abges\u00e4gt<\/a>. Unabh\u00e4ngig von der Bewertung des konkreten Projekts wird in diesem Bereich erschreckend wenig getan. Aber auch die Arbeit mit potentiellen Opfern wird vermutlich nicht so gut unterst\u00fctzt wie es w\u00fcnschenswert w\u00e4re. So <a title=\"Astrid Kr\u00fcger: \u201eInterview mit Dr. Angela May von der Bundesarbeitsgemeinschaft Pr\u00e4vention &amp; Prophylaxe e.V.\u201c\" href=\"\/\/astrid-krueger-medizin.de\/schwerpunkte\/texte\/may.htm\">sagt<\/a> Angela May von der ausschlie\u00dflich ehrenamtlich gef\u00fchrten Bundesarbeitsgemeinschaft Pr\u00e4vention &amp; Prophylaxe, sie w\u00e4ren unter anderem auf \u201eganz banale[] finanzielle[] Unterst\u00fctzung\u201c angewiesen. Und selbst bei diesen Projekten fehlt mir die Relation zu der unglaublich hohen Zahl von Opfern (\u201e<a title=\"Bundesarbeitsgemeinschaft Pr\u00e4vention &amp; Prophylaxe e.V.: \u201eWie viele M\u00e4dchen und Jungen sind von Sexuellem Missbrauch betroffen?\u201c\" href=\"\/\/praevention.org\/opfer.htm\">Jedes 3.\/4. M\u00e4dchen und jeder 7.\/8. Junge<\/a>\u201c). Das ist kein Problem, was mit ein paar kleinen Vereinen nennenswert zu bek\u00e4mpfen ist. Das ist eine gesellschaftliche und systemische Katastrophe, und ich sehe au\u00dferhalb linksradikaler Politik bisher keine Ans\u00e4tze dagegen.<\/p>\n<p>Ich gehe jetzt also davon aus, dass das Problem offen diskutiert wurde und andere Wege beschritten werden. Dennoch besteht vermutlich der Wunsch, (strafbare) Inhalte aus dem Internet zu entfernen. Daf\u00fcr gibt es traditionelle Mittel der Strafverfolgung, die <a title=\"pantoffelpunk: \u201eWie das mit pifo.biz lief\u201c\" href=\"\/\/blog.pantoffelpunk.de\/zermatschtes\/wie-das-mit-pifobiz-lief\">hervorragend<\/a> (Ja, das ist eine Zivilsache, aber die Richtung passt) funktionieren. Diese Mittel werden im konkreten Fall nicht genutzt. Dabei wird unter anderem f\u00e4lschlich behauptet, die Server w\u00fcrden in L\u00e4ndern stehen, in denen eine Strafverfolgung nicht oder nur schwer m\u00f6glich ist (Deutschland scheint im Bereich der Kinderpornografie zu diesen L\u00e4ndern zu geh\u00f6ren).<\/p>\n<p>Es wird also weiter davon ausgegangen, dass auch diese Wege \u2013 wo m\u00f6glich \u2013 begangen werden. Dann k\u00f6nnen Internetsperren nur noch ein Ziel haben: Die Zeit bis zur Entfernung zu \u00fcberbr\u00fccken. Um sicherzustellen, dass sie auch nur in diesem Sinne eingesetzt werden, sind einige Aspekte wichtig:<\/p>\n<ul>\n<li>Zeitliche Beschr\u00e4nkung: Eine Seite sollte nicht l\u00e4nger als wenige Tage gesperrt werden k\u00f6nnen. Dies sorgt daf\u00fcr, dass die eigentliche Strafverfolgung z\u00fcgig stattfindet, und verhindert Missbrauch.<\/li>\n<li>Gewaltenteilung: Der Richtervorbehalt muss uneingeschr\u00e4nkt gelten. Das ist immerhin ein bisschen besser, als wenn die Sache gleich intern geregelt wird. Da es sich um klar strafbare Inhalte handelt, sollte ein Richter damit auch keine Probleme haben.<\/li>\n<li>Offenheit: Die Liste der gesperrten Seiten mit Angabe zur Dauer muss frei zug\u00e4nglich sein, zumindest im Nachhinein. Da es sich um eine kurzfristige Ma\u00dfnahme handelt, kann die Liste nicht als Linkliste f\u00fcr an den Inhalten interessierte Personen dienen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Zu diesen Punkten kommt selbstverst\u00e4ndlich der Wunsch, die Debatte offen, sachlich, ohne Polemik und Schattenman\u00f6ver stattfinden zu lassen; aber das ist wohl illusorisch.<\/p>\n<p>Diese Darstellung ist vermutlich nicht vollst\u00e4ndig, eine Umsetzung der genannten Punkte w\u00fcrde es aber deutlich leichter machen, die aktuellen Planungen in ihrer Intention ernst zu nehmen. Grunds\u00e4tzlich halte ich Internetsperren immer noch f\u00fcr unn\u00f6tig. Weiterhin ist das technische Vorgehen fraglich \u2013 DNS-Sperren machen gezielte Zugriffe nicht unm\u00f6glich, IP-Sperren ziehen hohe Kollateralsch\u00e4den mit sich, inhaltsbasierte Sperren ben\u00f6tigen Infrastruktur, die die Aufhebung der Netzneutralit\u00e4t erm\u00f6glichen, stellen einen schweren Eingriff in die Privatsph\u00e4re und eine M\u00f6glichkeit zur \u00dcberwachung der Nutzer dar und sind \u00e4u\u00dferst aufwendig.<\/p>\n<p>Ich habe bewusst Inhalte ausgeklammert, die in Deutschland strafbar sind, in anderen L\u00e4ndern aber nicht; prominentes Beispiel sind viele rechtsextreme Aussagen und Symbole, die fast nirgendwo au\u00dferhalb von Deutschland strafbar sind. Die Verschiebung der Bek\u00e4mpfung aus dem Anbieter- in das Nutzerland k\u00f6nnte gerade f\u00fcr Deutschland eine Einschr\u00e4nkung von Freiheiten darstellen, die wir uns bisher kaum vorstellen k\u00f6nnen. Im Internet gilt \u00fcberwiegend US-amerikanisches, sehr liberales Recht. An dieser Stelle d\u00fcrfte es gro\u00dfe ideelle Differenzen zwischen Vertretern eines freien Internets und denen klassischer deutscher Rechtssprechung geben. Die Vorstellung, Gl\u00fccksspiele, die Massenvernichtung deutscher Juden relativierende oder leugnende Inhalte, Bombenbauanleitungen, vertrauliche Dokumente unserer Institutionen, Urheberrechtsverletzungen oder theoretische linksradikale Texte k\u00f6nnten aus dem deutschen Internet nicht mehr abrufbar sein, wird auch vielen Menschen seltsam anmuten, die sich mit diesen Inhalten weder besch\u00e4ftigen noch identifizieren. Im Internet haben wir uns f\u00fcr eine Form der (Meinungs-)Freiheit entschieden, die nicht mit der gesetzlichen \u00fcbereinstimmt. Es wird bei diesem Thema zu K\u00e4mpfen kommen, und wir k\u00f6nnen nicht davon ausgehen, dass sich unsere Position in der Gesetzgebung durchsetzt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beim Nachdenken \u00fcber Internetsperren bin ich \u00f6fter zu dem Gedanken gekommen, unter welchen Umst\u00e4nden sie akzeptabel w\u00e4ren, oder zumindest weniger Widerstand hervorrufen w\u00fcrden. 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