{"id":825,"date":"2010-08-03T20:31:30","date_gmt":"2010-08-03T19:31:30","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.adrianlang.de\/?p=825"},"modified":"2017-05-20T09:56:05","modified_gmt":"2017-05-20T08:56:05","slug":"vier-kommentare","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.adrianheine.de\/?p=825","title":{"rendered":"Vier Kommentare"},"content":{"rendered":"<p>Manchmal kommentiere ich die Texte anderer Leute \u2013 machen wahrscheinlich fast alle im Netz. Mal ist es wichtig, mal egal, mal lustig, mal ist es viel und trotzdem nicht genug f\u00fcr einen Blogpost, mal nur eine Frage, manchmal trollig oder w\u00fctend, hin und wieder auch freundlich. Hier in Adrians Blog antworte ich viel zu langsam auf Kommentare, was ziemlich bl\u00f6dsinnig ist in Hinblick darauf, dass ich ja bei Leuten was bewegen m\u00f6chte. Die Wenigen, die mit mir reden, sollte ich dann eigentlich mehr bei der Stange halten. Eigentlich wollte ich jetzt aber \u00fcber Kommentare bei anderen schreiben, genauer gesagt die letzten vier Kommentare, die ich schrieb. Sie h\u00e4ngen eigentlich nicht zusammen, sind zu unterschiedlichen Themen an unterschiedlichen Stellen in unterschiedlichen Stilen und bis auf den Umstand dass sie von mir und auf deutsch geschrieben wurden verbindet sie formal vermutlich wenig. F\u00fcr mich stehen sie jedoch in einem Zusammenhang, darum will ich sie hier kurz ansprechen.<!--more--><\/p>\n<p>Der (nicht zwangsl\u00e4ufig chronologisch) erste der Kommentare ist ein <a href=\"http:\/\/www.wolfgang-dudda.de\/?p=6810#comment-1431\">freundlicher Hinweis<\/a> bei Wolfgang Dudda, in dem ich ihn auf eine falsche Verwendung des Begriffs \u201eWikipedia\u201c hinweise. Normalerweise h\u00e4tte ich ihm das nicht geschrieben, ja nicht mal seinen Text gelesen, aber Trias <a href=\"http:\/\/twitter.com\/Trias_\/status\/20055823393\">kommentierte<\/a> den Fehler mit der Behauptung, Wolfgang h\u00e4tte sich damit als Bundesvorstand einer Netzpartei blamiert. Das ist irgendwie richtig und irgendwie eine Aussage, die ich \u00e4hnlich vermutlich auch getroffen h\u00e4tte, schlie\u00dflich habe ich die Begriffsverwirrung zwischen \u201eWikipedia\u201c und \u201eWiki\u201c schon als Wikipedianer ebenso wie als Wiki-Software-Entwickler zu sp\u00fcren gekriegt, mich gemeinsam mit anderen dr\u00fcber ge\u00e4rgert oder lustig gemacht und sie als Zeichen der omnipr\u00e4senten Medieninkompetenz gesehen. Ich habe vermutlich schon Leute deswegen f\u00fcr dumm gehalten, dumm genannt, als dumm beschimpft \u2013 es w\u00fcrde mich nicht mal wundern, wenn sich ein Blogpost finde w\u00fcrde, indem ich genau diesen Fehler bei der Piratenpartei kritisiere. Obwohl ich nicht nur pr\u00e4destiniert daf\u00fcr bin, sondern auch gezeigt habe, dass ich der entsprechenden Neigung gerne nachgehe, f\u00fchlte es sich in diesem Moment falsch an. Furchtbar falsch.<\/p>\n<p>Den zweiten Kommentar kann ich nicht verlinken, weil er nicht freigeschaltet wurde. Es handelt sich um den Einzeiler \u201eDie FIXMBR-Gang: Rassismus 2.0\u201c zum Artikel \u201e<a href=\"http:\/\/www.fixmbr.de\/die-flattr-gang-die-rumaenen-gang-2-0\/\">Die Flattr-Gang: die Rum\u00e4nen-Gang 2.0<\/a>\u201c auf F!XMBR. Ich k\u00f6nnte jetzt selbstkritisch anmerken, dass ich Menschen (Den F!XMBR-Autor_innen) eine Eigenschaft (Rassismus) zuschreibe, anstatt diese Eigenschaft ihrem konkreten Verhalten zuzuordnen. Das ist gro\u00dfer Mist, nicht nur, weil es den Angesprochenen die Ablehnung des Vorwurfs erleichtert, wie ich im <a href=\"\/?p=819\">letzten Blogpost<\/a> erl\u00e4utere, sondern auch, weil es schei\u00df Verhalten ist.<\/p>\n<p>Was mir aber eigentlich durch den Kopf geht, bzw. was mich mitgenommen hat, war, wie der Autor und einer seiner Kollegen damit <a href=\"http:\/\/identi.ca\/conversation\/44492356\">umgingen<\/a>: Da war keine Besch\u00e4ftigung mit mir, sondern nur Ausschluss, Ablehnung, \u00bbWir gegen sie\u00ab (bzw. \u00bbWir gegen ihn\u00ab). Die Position war so eindeutig, dass nicht mal inhaltliche gegenseitige Best\u00e4tigung erfolgen musste; der Vorwurf war albern, also am\u00fcsieren wir uns \u00fcber, oder besser noch: anhand des Vorwurfs. Ich bin es gew\u00f6hnt, dass meine Positionen nicht gerade auf gro\u00dfe Zustimmung in der virtuellen Gesellschaft sto\u00dfen (sofern sie \u00fcberhaupt wahrgenommen werden), und ich sehe durchaus eine grunds\u00e4tzliche Notwendigkeit daf\u00fcr, manche Positionen ohne weitere Er\u00f6rterung abzulehnen, um handlungsf\u00e4hig zu sein und um nicht immer wieder hinter erreichte Diskussionsst\u00e4nde zur\u00fcckzufallen. Trotzdem war diese zur Schau gestellte, ignorante Hegemonialit\u00e4t verletzend \u2013 unabh\u00e4ngig davon, dass es sich bei dem Blogpost immer noch um rassistischen Schei\u00df handelt, wie andere auch <a href=\"http:\/\/identi.ca\/conversation\/44495856\">bemerkten<\/a>.<\/p>\n<p>Auch beim dritten Kommentar geht es um Hegemonialit\u00e4t. Vor ein paar Wochen hatte die Junge Union Berlin den Vorschlag, den Zugriff auf Pornografie zu sperren. Das ist keine besonders neue Idee, sondern eher eine der vielleicht f\u00fcnf relevanten Richtungen (Pornografie, Gl\u00fccksspiel, \u201eExtremismus\u201c, Kinderpornografie, Urheberrecht), \u00fcber die die Durchsetzung von Netzsperren zu erwarten ist. Was kam, war ein Shitstorm (Netzenglisch f\u00fcr aggressiv dargelegte Hegemonie). Was wie \u00fcblich fehlte, war eine Auseinandersetzung mit dem Thema, die dringend n\u00f6tig ist, wenn wir den Freiraum Internet usw. \u2013 was ich halt seit \u00fcber einem Jahr schreibe. Wie f\u00fcr einen Shitstorm \u00fcblich, wurde die politische Hygiene etwas schleifen gelassen \u2013 die JUler_innen sind halt dumm, Kinder, krank, ihnen ist zu hei\u00df, sie haben keine Ahnung vom Netz und was es dergleichen noch an fundierten und vorurteilsfreien Kritikpunkten gibt.<\/p>\n<p>Nicht, dass Kritik immer freundlich und sachlich sein m\u00fcsste, manchmal sind andere Formen lustiger, treffender, effektiver, wahrer, manchmal ist die Kritik der Kritik formalistisch verpackte reaktion\u00e4re Schei\u00dfe und MANCHMAL HABEN SICH NAZIS UND NEOLIBERALE NICHT F\u00dcR MITLEID, FAIRNESS ODER SACHLICHE AUSEINANDERSETZUNGEN QUALIFIZIERT. Manchmal. Manchmal besteht politische Praxis aber auch nachhaltig nur aus dumpfem Gepolter und die entsprechenden Genoss_innen \/ Pirat_innen stehen von mir aus gesehen schneller auf der anderen Seite der Barrikade \/ des Shitstorms als ich trollen kann. Im vorliegenden Fall wurde die m\u00e4\u00dfig sachliche Diskussion durch einen zweiseitigen Scan aus der Bravo <a href=\"http:\/\/berlinnow.org\/?p=87\">angereichert<\/a>, auf dem eine Funktion\u00e4rin der Jungen Union nackt zu sehen war \u2013 denn wer politisch schon indiskutabel ist kann ja wenigstens noch <a href=\"http:\/\/twitter.com\/unkreativnet\/status\/18676939308\">geil<\/a> sein. <\/p>\n<p>In diesem widerlichen Setting ist mein <a href=\"http:\/\/maedchenmannschaft.net\/frauen-sperren\/#comment-30257\">dritter Kommentar<\/a> zu lesen: Das Thema war seit vier Tagen auf und so langsam wieder vom Tisch und ich hatte mich mit dem ekligen heterom\u00e4nnlich-rechthaberischen Konsens abgefunden. Reichlich sp\u00e4t also kommt der Kommentar der M\u00e4dchenmannschaft zum Thema, irritierend sp\u00e4t, da es nicht nur im Diskurs feministisch zu beantwortende Ereignisse gab, sondern auch, weil die Junge Union selbst ihren Vorsto\u00df mit Frauenfeindlichkeit begr\u00fcndete. Was es zu lesen gab, war aber keine Auseinandersetzung mit diesen Punkten, sondern eine knappe Reproduktion des Diskurses, der mich vorher so angekotzt hatte. Nichts weiter. Und auch nach meinem Kommentar kam nichts mehr. Beachtlich ist daran nicht nur meine Hilflosigkeit, sondern mehr noch mein Anspruch, irgendeine Instanz m\u00fcsste doch mal meine Position vertreten \u2013 da hab ich mich wohl selbst vom Internet-Mythos der Wirkm\u00e4chtigkeit, der Dynamik und des Pluralismus einlullen lassen.<\/p>\n<p>Auch bei meinem letzten Kommentar geht es um Hilflosigkeit. Was ich bei solchen Shitstorms und angesichts solcher Hegemonie empfinde, erinnert mich an das, was ich im Hinblick auf Duisburg empfinde. Bei aller fehlenden Vergleichbarkeit ist die emotionale Struktur bei mir eine \u00e4hnliche, auch wenn das eine mich nur ein paar Tage \u00e4rgert und das andere Potential hat, eine Generation zu pr\u00e4gen. Sehr lesenswert zu Duisburg ist \u00fcbrigens \u201e<a href=\"http:\/\/nichtidentisches.wordpress.com\/2010\/07\/29\/schuld-und-abwehr-nach-der-massenpanik\/\">Schuld und Abwehr nach der Massenpanik<\/a>\u201c, dem ullih noch hinzuzuf\u00fcgen hatte, dass das Ereignis ein riesiges Ausma\u00df an Obrigkeitsglauben offenbar werden lie\u00df. Zur\u00fcck zu meinem <a href=\"http:\/\/acidblog.de\/index.php\/2010\/07\/bodycount\/#comment-475\">vierten Kommentar<\/a>, den ich im Acidblog hinterlie\u00df. Acid wies in dem Beitrag zurecht darauf hin, dass unsere Aufmerksamkeitsverteilung zum Kotzen ist, und wurde daf\u00fcr von Nerdcore als \u201eMenschenlebensaufrechner\u201c bezeichnet.<\/p>\n<p>So, das wars: Vier Kommentare, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manchmal kommentiere ich die Texte anderer Leute \u2013 machen wahrscheinlich fast alle im Netz. 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