{"id":848,"date":"2010-10-24T18:59:55","date_gmt":"2010-10-24T17:59:55","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.adrianlang.de\/?p=848"},"modified":"2017-05-20T16:08:47","modified_gmt":"2017-05-20T15:08:47","slug":"sprache-und-geschlecht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.adrianheine.de\/?p=848","title":{"rendered":"Sprache und Geschlecht"},"content":{"rendered":"<p>Nach dem Fefiasko vor einiger Zeit (<a href=\"\/?p=831\" title=\"Adrian Heine: \u00bbProzess wegen fsa09\u00ab in Adrians Blog\">1<\/a>, <a href=\"\/?p=838\" title=\"Adrian Heine: \u00bbProzessbericht zu fsa09\u00ab in Adrians Blog\">2<\/a>) m\u00f6chte ich ein paar Worte zu <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gender_Gap_(Linguistik)\" title=\"\u00bbGender Gap\u00ab in der deutschsprachigen Wikipedia\">Gender_gap<\/a>, Binnen-I und Freund_innen verlieren und teilweise auf Spr\u00fcche reagieren, die da so kamen.<!--more--><\/p>\n<p>Der Gender_gap beseitigt herrschenden Sexismus nicht \u2013 er ist keine L\u00f6sung des Problems, er ist ein Kampfmittel. Naziaufkleber abknibbeln beseitigt auch nicht den Faschismus auf der Welt, und trotzdem mache ich es. Nein, das Binnen-I ist nicht der Kommunismus, genau wie Free-Mumia-Plakate nicht der Kommunismus sind. \u00bbFreiheit statt Angst\u00ab ist keine L\u00f6sung, aber nicht \u00bbFreiheit statt Angst\u00ab ist erst recht keine L\u00f6sung. Ich stelle mir das so vor wie auf Vorstandsetagen parit\u00e4tisch viele Frauenklos zu bauen. Das holt nicht pl\u00f6tzlich 50% Frauen in die Vorst\u00e4nde, aber es macht wieder einmal sichtbar wie ungleich die Verteilung ist und es ist ein cooles Signal f\u00fcr die Frauen in den Vorst\u00e4nden.<\/p>\n<p>Ziel der Veranstaltung ist es nicht, Sprache zu korrigieren, zu neutralisieren, zu gl\u00e4tten. Ganz im Gegenteil: Es wird davon ausgegangen, dass Sprache eben nicht neutral ist, sondern ein Ausdruck von gesellschaftlichen Machtverh\u00e4ltnissen \u2013 warum also hier nicht intervenieren? Deswegen sind B\u00fcgelbrettbegriffe wie \u00bbStudierende\u00ab auch keine L\u00f6sung \u2013 es wird ja gar keine L\u00f6sung gesucht.<\/p>\n<h3>Das ist doch h\u00e4sslich \/ falsch<\/h3>\n<p>1. Bullshit. Sprache und \u00e4sthetisches Empfinden \u00e4ndern sich: Wir entscheiden, wohin. Das Binnen-I ist genauso falsch wie das Kopieren urheberrechtlich gesch\u00fctzter Werke. Der Gender_gap ist genau so h\u00e4sslich wie Viertelt\u00f6ne aus der t\u00fcrkischen Musik in einer Mozart-Sonate. 2. Bullshit: Das ist nicht dein Anliegen. <a href=\"http:\/\/www.google.de\/search?q=site:netzpolitik.org+deppenleerzeichen%20OR%20bindestrich%20OR%20apostroph\">Wo<\/a> sind die k\u00fcbelweise Kommentare unter jedem Netzpolitik.org-Post, in dem mal wieder Grammatik mit nem Sandkasten verwechselt wurde? Wenn euch die aktuell \u00bbg\u00fcltige\u00ab Regelung der deutschen Sprache so wichtig ist, warum meldet ihr dann keine Rechtschreibfehler in meinen Blogposts? Wo wart ihr denn die letzten Jahre alle, wo seid ihr bei all den anderen Grammatiklegasthenikern?<\/p>\n<h3>Ihr habt Sprache nicht verstanden, Genus != Sexus, etc<\/h3>\n<p>Bullshit. Es geht nicht darum, Sprache zu korrigieren. Wir schreiben nicht \u00bbMetzger_innen\u00ab, weil \u00bbMetzger\u00ab ein Substantiv mit m\u00e4nnlichem grammatikalischem Geschlecht ist, sondern weil die meisten Menschen bei \u00bbMetzger\u00ab eine m\u00e4nnliche Person denken, weil \u00bbwei\u00df, m\u00e4nnlich\u00ab ohnehin der Default ist, weil nichtm\u00e4nnliche Metzger_innen sich nicht \u00fcber zu viel Sichtbarkeit beklagen k\u00f6nnen.<\/p>\n<h3>Warum schreibst du dann nicht \u00bbMensch_innen\u00ab?<\/h3>\n<p>Gute Frage. Weil ich nicht konsequent bin? Bisher scheinen sich Binnen-I bzw. Gender_gap nur bei Begriffen, deren weibliche Form bereits gebr\u00e4uchlich ist, durchgesetzt zu haben.<\/p>\n<h3>Warum schreibst du dann nicht \u00bbnicht_wei\u00dfe Metzger_innen\u00ab um nicht-wei\u00dfe Menschen ebenfalls besonders sichtbar zu machen?<\/h3>\n<p>W\u00e4re vermutlich eine gute Sache. Zuerst dachte ich, das Sichtbarmachen nichtwei\u00dfer Metzger_innen w\u00e4re zwar n\u00f6tig, aber wenigstens g\u00e4be es keine eigene Begrifflichkeit f\u00fcr sie, so wie es \u00bbMetzgerin\u00ab gibt; stimmt aber nicht. Solche Leute hei\u00dfen nicht \u00bbMann\u00ab, \u00bbFrau\u00ab, \u00bbAngestellte\u00ab, \u00bbJunge\u00ab, sondern \u00bbT\u00fcrke\u00ab, \u00bbt\u00fcrkischer Softwareentwickler\u00ab, \u00bbMigrantin\u00ab, \u00bbein s\u00fcdl\u00e4ndisch aussehender Jugendlicher\u00ab, \u00bbder schwarze Thomas M. (43)\u00ab. Auch hier wird klar gemacht: Es gibt einen Standard, und was davon abweicht, muss besonders bezeichnet werden und wirkt identit\u00e4r. Noch ein Beispiel gef\u00e4llig? Es geht um einen Prinzen, der einen Diener angeblich in einem sexuellen Kontext umgebracht hat: \u00bb<a href=\"http:\/\/fr-online.de\/-\/1472782\/4759668\/-\/\">Der homosexuelle Prinz bestreitet die Tat.<\/a>\u00ab \u2013 da w\u00fcrde mit Sicherheit nicht \u00bbDer heterosexuelle Prinz\u00ab stehen, selbst, wenn er seine Dienerin aus einer sexuellen Situation heraus get\u00f6tet h\u00e4tte.<\/p>\n<h3>Generisches Maskulinum ist aber doch prima und schlie\u00dft alle mit ein<\/h3>\n<p>1. Jein. Eine \u00c4rztin mag ein \u00bbArzt\u00ab sein, aber ein \u00bbArzt\u00ab ist ohne weitere Qualifizierung ein Arzt. Und jetzt erz\u00e4hl nicht bei dir ist das anders und du bist so unsexistisch wie es nur geht, Menschen haben bei dir nie nen Geschlecht: Zwei Kommentare drunter schreibt einer was von \u00bb<a href=\"\/?p=838&#038;cpage=1#comment-29006\">Frauen an den Herd<\/a>\u00ab. Das ist die gesellschaftliche Realit\u00e4t, das ist der Kontext in dem du dich mit so Behauptungen bewegst. 2. Selbst wenn es so w\u00e4re, und ich glaube es kann in einer sexistischen Gesellschaft nicht so sein, w\u00e4re der Gender_gap immer noch ein gutes Mittel um zu irritieren und Sichtbarkeit zu erh\u00f6hen.<\/p>\n<h3>Binnen-I ist positive Diskriminierung und damit \u00bbkeinen Deut besser\u00ab<\/h3>\n<p>Genau, setzen wir uns einfach hin, legen die H\u00e4nde in den Scho\u00df und warten, bis das mit dem Sexismus einfach \u2026 ja was eigentlich? Aufh\u00f6rt? Abgeschafft wird? Verboten wird? Was ist denn \u203akorrektes\u2039 Vorgehen gegen Sexismus?<\/p>\n<h3>\u00bbEin \u203aT\u00e4ter_innen\u2039 kommt nie vor\u00ab<\/h3>\n<p>1. Das Wort \u00bbT\u00e4ter\u00ab kommt in den Texten drei Mal vor, einmal \u00bbT\u00e4ter_innen\u00ab, einmal \u00bbEinzelt\u00e4ter\u00ab und einmal in einem Zitat. Ich hab vielleicht nicht konsequent Gender_gaps verwendet, aber auch nicht konsequent negativ bewertete Personengruppen m\u00e4nnlich gelassen. 2. Ist das so eine typische Abwehrstruktur Privilegierter. Ihr wollt mehr als 5% in den Vorst\u00e4nden? Dann m\u00fcsst ihr aber auch die H\u00e4lfte im Wehrdienst nehmen, w\u00e4r ja sonst ungerecht!<\/p>\n<h3>Was ist mit \u00bbHebamme\u00ab, \u00bbKrankenschwester\u00ab, \u00bbHure\u00ab oder \u00bbPutzfrau\u00ab? Die Begriffe schlie\u00dfen m\u00e4nnliche Personen mit dieser T\u00e4tigkeit aus!<\/h3>\n<p>Ok, ich gebe zu: Dieser Einwand kommt vermutlich von wenigen Kritiker_innen geschlechtssensibler Sprache, handelt es sich doch bei den genannten Berufen um vermutlich wenig angesehene, typisch \u00bbweibliche\u00ab T\u00e4tigkeiten. Es gibt jedoch geschlechtsneutrale Begriffe: \u00bbEntbindungspfleger\u00ab (in \u00d6sterreich auch \u00bbHebamme\u00ab), \u00bbGesundheits- und Krankenpfleger\u00ab, \u00bbProstituierter\u00ab, \u00bbReinigungskraft\u00ab. Vermutlich m\u00fcsste sich da eher schon Gedanken gemacht werden, ob solche Begriffe die geschlechterungleiche Verteilung der Reproduktionsarbeit nicht eher unsichtbar machen und daher zu kritisieren sind. Im \u00dcbrigen handelt es sich hier wieder um eine Privilegierten-Abwehrstruktur wie oben: Ihr wollt ein bisschen weniger Ungleichheit? Dann darf aber umgekehrt nicht der letzte Funken m\u00f6glicher Benachteiligung \u00fcbrig bleiben \u2013 Kontext spielt bei dem Argument keine Rolle.<\/p>\n<h3>Macht geschlechterneutrale Sprache nicht viele Geschlechterspezifiken unsichtbar? Es gibt eben weniger Soldatinnen als Soldaten, weniger Polizistinnen als Polizisten!<\/h3>\n<p>Falls wir irgendwann mal dahin kommen, dass eine Sprachform wirklich neutral Menschen aller gesellschaftlicher Kategorien gleicherma\u00dfen sichtbar macht und umfassend eingesetzt wird, k\u00f6nnen und sollten wir uns dar\u00fcber Gedanken machen \u2013 solange die wenigsten \u00fcberhaupt geschlechtersensible Sprache einsetzen, k\u00f6nnen sich m\u00e4nnliche Polizisten und Soldaten nicht \u00fcber zu wenig Sichtbarkeit beschweren \u2013 ich denke allerdings, dass vorher zwei andere Dinge passieren: 1. Die hegemoniale Form geschlechtersensibler Sprache wird als \u00bbneutral\u00ab gelesen und der Effekt der Sichtbarmachung nichtm\u00e4nnlicher Personen f\u00e4llt weg \u2013 die Menschen gew\u00f6hnen sich an Binnen-I oder Gender_gap und lesen weiterhin m\u00e4nnlich-wei\u00df-heterosexuelles Default (wie bspw. schon bei hegemonial werdenden Formulierungen \u2013 \u00bbInformatiker\/in\u00ab \u2013 zu beobachten) \u2013 oder 2. Die Ungleichheiten selbst verschwinden.<\/p>\n<h3>Immer noch nicht \u00fcberzeugt?<\/h3>\n<p>Kein Problem. Habt eine mehr oder weniger begr\u00fcndete Position, warum ihr sch\u00f6n weiter generisches Maskulinum schreibt \u2013 es werden keine Horden von Feminist_innen bei euch einfallen und unter jeden eurer Blogposts Kommentarhaufen setzen. Sofern ihr euch nicht gerade in linksradikalen, tendenziell profeministischen Kreisen herumtreibt, werdet ihr wohl nie in die Verlegenheit kommen, euch zu rechtfertigen. Ihr k\u00f6nnt das gerne mal mit den bisher 54 Kommentaren (<a href=\"\/?p=831#comments\" title=\"Adrian Heine: \u00bbProzess wegen fsa09\u00ab in Adrians Blog\">1<\/a>, <a href=\"\/?p=838#comments\" title=\"Adrian Heine: \u00bbProzessbericht zu fsa09\u00ab in Adrians Blog\">2<\/a>) unter meinen beiden Blogposts vergleichen.<\/p>\n<h3>Links<\/h3>\n<ul>\n<li><a href=\"\/\/derailingfordummies.com\" title=\"Derailing for Dummies\">Derailing for Dummies<\/a><\/li>\n<li>Frank Apunkt Schneider: \u00bb<a href=\"http:\/\/agqueerstudies.de\/frank-apunkt-schneider-die-diktatur-des-man\/\" title=\"Frank Apunkt Schneider: \u00bbDie Diktatur des \u203aman\u2039\u00ab\">Die Diktatur des \u203aman\u2039<\/a>\u00ab<\/li>\n<li>Julian Abagond: \u00bb<a href=\"http:\/\/thesocietypages.org\/socimages\/2010\/08\/30\/guest-post-why-do-the-japanese-draw-themselves-as-white\/\" title=\"Julian Abagond: \u00bbWhy do the Japanese Draw Themselves as White?\u00ab\">Why do the Japanese Draw Themselves as White?<\/a>\u00ab<\/li>\n<li>denkwerkstatt: \u00bb<a href=\"http:\/\/denkwerkstatt.wordpress.com\/2010\/10\/22\/binnen-i-unterstrich-und-sprachreinheit-teil-1\/\" title=\"denkwerkstatt: \u00bbInterview: Binnen-I, Unterstrich und Sprachreinheit, Teil 1\u00ab mit Anna Babka\">Interview: Binnen-I, Unterstrich und Sprachreinheit, Teil 1<\/a>\u00ab mit Anna Babka<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach dem Fefiasko vor einiger Zeit (1, 2) m\u00f6chte ich ein paar Worte zu Gender_gap, Binnen-I und Freund_innen verlieren und teilweise auf Spr\u00fcche reagieren, die da so kamen.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3,22],"tags":[538,215,539,92],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.adrianheine.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/848"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.adrianheine.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.adrianheine.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.adrianheine.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.adrianheine.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=848"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/blog.adrianheine.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/848\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1033,"href":"https:\/\/blog.adrianheine.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/848\/revisions\/1033"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.adrianheine.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=848"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.adrianheine.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=848"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.adrianheine.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=848"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}