Queer genug sein

Ich glaube, viele queere Menschen haben zeitweise das Gefühl, ihre Identität oder (Selbst-)Bezeichnung fälschlich zu nutzen – manche nennen das »Queer impostor syndrome«. Ich möchte ein paar Überlegungen zu Selbstdefinition, Normen, Passing, Zweifeln und meine eigenen Erfahrungen damit beschreiben. Warnung zum weiteren Inhalt: Ich führe dieses Gefühl auf zum Teil internalisierte zum Beispiel sexistische Sortierungsmechanismen zurück, und die werde ich beschreiben. Ich hoffe dass es für einige hilfreich ist, zu lesen, dass auch andere Menschen mit solchen Zweifeln kämpfen, aber überlegt ob grad der richtige Moment dafür ist.

Ich benutze »queer« aus Mangel an Alternativen, obwohl weder ich noch die meisten an die ich beim schreiben denke einen Bezug zu der Komplexität dieses Begriffs und seiner Nutzung zur – gerade auch rassistischen – Abwertung und Ausgrenzung sowie Aneignung durch mehr und weniger Betroffene haben. Ich bin sehr offen für Alternativen, im Moment denke ich zum Beispiel über »schräg« (zu allgemein) und »andersrum« (zu spezifisch) nach.

Es war meine politische Überzeugung, dass Identität etwas ist, über das eine Person völlige Definitionshoheit hat. Von außen kamen nur die Konzepte und Begriffe, um diese Identität zu beschreiben. Was beschreibbar ist, formte in meiner Vorstellung selbstverständlich mit, was denkbar ist, änderte aber nichts daran, was wahr ist. Wenn das Außen queere Identitäten mit Gewalt zuwies, war das nur Gewalt. Wie Menschen mit ihrer Identität umgehen, wie viel sie davon erkennen und wie viel nach außen tragen war eine andere Sache.

Wer so oder ähnlich denkt, hält Queersein für etwas, von dem sich Menschen selbst überzeugen müssen – für manche ist das sehr einfach, für andere sehr schwer. Es bedeutet, dass eine queere Person diese Überzeugung selbst aufbringen und halten muss. Zusätzlich zu der Belastung, nicht den Vorstellungen der Mehrheitsgesellschaft zu entsprechen, müssen viele Queers auch noch ständig Energie dafür aufwenden, sich selbst zu glauben wer sie sind.

Queere Normen

Dabei spielen bekannte, sichtbare, normierte Formen queerer Identität eine zwiespältige, vielfältige Rolle. Sie helfen eigentlich nur denen, die eine solche Identität haben und sich mit der Art auf die sie dargestellt wird wohl fühlen. Für die bietet es eine dringend nötige externe Bestätigung und Sicherheit. Anders ist das für Menschen, deren Identität relativ präsent ist, aber nicht so dargestellt wird wie sie sie leben oder leben wollen. Dass ihre Identität bekannt und sichtbar ist, bestätigt nicht, sondern verunsichert zusätzlich. Menschen, deren Identität selbst in queeren Öffentlichkeiten kaum präsent ist, sind weitgehend auf sich allein gestellt, was das Aufbringen innerer Überzeugung angeht.

Ein kleiner Einschub: Statt die eigene Identität anzuzweifeln orientieren sich viele auch an diesen bekannten Identitätsausdrücken – sie normieren und vereindeutigen sich selbst. Das ist auch ein Teil von »Queer Imposter Syndrome«.

Solche Normen beeinflussen nicht nur, wie Menschen sich fühlen und verhalten, sondern auch, wie und ob sie wahrgenommen werden. Wer diesen Normen nicht entspricht, dessen queere Identität wird häufig übersehen. Das betrifft zum Beispiel Bisexuelle, deren Bisexualität unsichtbar gemacht wird, feminin auftretende Lesben und queere Frauen, oder Lesben und Schwule die romantische oder sexuelle Beziehungen nicht nur mit Frauen bzw. Männern haben. Nicht als queer gesehen zu werden ist aber nicht nur etwas, das Menschen gegen ihren Willen passiert, sondern für viele auch essenzielle Sicherheitsvorkehrung. Egal ob selbstbestimmt oder nicht – wenn die eigene Identität von anderen nicht wahrgenommen wird, muss die Bestätigung dieser Identität um so mehr von eine*r selbst kommen, was wieder Zweifeln einen Raum bietet.

Insgesamt zweifele ich gerade ziemlich an dem emanzipatorischen Wert normierter queerer Identitäten. Mein Gefühl ist eher, dass sie dazu dienen, dem Abweichendsein einen Rahmen vorzugeben und im Gegenzug in allen anderen Bereichen Heteronormen durchzusetzen – »Stück für Stück ins Homoglück«.

Gewalt als Teil queerer Identität

Was die Sache erschwert, ist der sehr reale Unterschied zwischen Identität und Erfahrungen. Als Hetera gelesen werden, als Mann behandelt werden oder für weiß gehalten werden sorgt dafür, dass Menschen nicht die selben (negativen) Erfahrungen machen wie viele (andere) Lesben, Frauen bzw. Schwarze und PoC. Diese Erfahrungen nicht zu teilen gibt den Selbstzweifeln eine argumentative Grundlage: Wie kann ich für mich selbst »entscheiden«, eine bestimmte marginalisierte Identität zu haben, wenn ich gar nicht auf die Art unter ihr leide oder gelitten habe wie die anderen? Noch schlimmer, wenn dieses Passing nicht unfreiwillig passiert(e), sondern teilweise als Selbstschutz aktiv angestrebt wird oder wurde.

Die einfache Antwort ist, dass aus einer gemeinsamen Identität eben nicht identische Erfahrungen folgen – jede Person ist anders und erlebt andere Dinge. Das ist richtig, aber zu einfach: Was Menschen in dieser Hinsicht dazu bringt, ihr Queersein in Frage zu stellen, sind nicht (fehlende) Erfahrungen anderer Queers allgemein, sondern konkret fehlende negative Erfahrungen, nicht erlebte Gewalt und Abwertung. Queersein ist in der Vorstellung vieler so eng mit Gewalt erfahren verknüpft, dass sich manche Menschen ihre eigene Identität nicht glauben, wenn sie nicht so wie andere leiden.

Das sollte nicht so sein: Gewalt und Abwertung erleben ist vielleicht ein wesentlicher Teil queerer Erfahrung und kollektiver Erinnerung, aber kein verpflichtender Teil queerer Identität. Stattdessen könnten ja auch positive Aspekte wie Gemeinschaft oder Begehren queere Identität stabilisieren (und sind es für viele bestimmt auch).

Meine Erfahrungen

Bevor ich über meine eigenen Erfahrungen schreibe, möchte ich nochmal klarstellen: Diese Gedanken sind vielleicht üblich, es ist ok sie zu haben. Sie sind aber trotzdem falsch und selbstverletzend. Würdet ihr einer lieben Freundin sagen dass sie nicht queer genug ist? Diese Gedanken stützen sich auf die Idee, dass Queer sein Gewalt erleben bedeutet, auf Sexismus, auf Cis-Sexismus, Hetero-Sexismus, auf normative Vorstellungen von Begehren, Identität, von Queersein. Sie haben nicht recht.

Und obwohl ich das weiß, konnte ich für mich selbst eine queere Identität nicht nur aufgrund innerer Überzeugung annehmen. Ich musste erst aufgrund meiner Selbstwahrnehmung und meines Auftretens negative Erfahrungen machen und unter ihnen leiden, um queere Identitäten für mich zu beanspruchen.

Ich trage mittlerweile seit vielen Jahren, teilweise Jahrzehnten lange Haare, Nagellack und ausschließlich Röcke oder Kleider. Mir war immer klar, dass das gefährlich ist, ich hatte immer Ärger damit, aber ich habe das Wissen um diese Gefahr geradezu mit Stolz getragen, habe mich bis auf wenige Ausnahmen nicht davon einschränken lassen und bin keiner Auseinandersetzung aus dem Weg gegangen.

Ich weiß nicht, ob sich mein Auftreten verändert hat oder nur wie ich meine Erfahrungen bewerte. Da gab es die eine Woche, an deren Ende ich bemerkte, dass es keinen Tag ohne sexistischen Kommentar, Beleidigung, Pöbelei gab. Da war der Moment als ich die fragenden und provozierenden Kinder aus der Grundschule an der Ecke nicht mehr lustig fand, sondern Angst vor ihnen hatte. Da waren die Termine zu denen ich viel zu spät kam, weil ich nicht einfach irgendwas aus dem Schrank nehmen und anziehen konnte. Da war der Gedanke, dass ich das eine oder andere Kleid vielleicht einfach nicht mehr alleine in der U-Bahn tragen möchte. Da war die Erkenntnis, dass ich nicht einfach auf OkCupid eine Hetera kennenlernen und davon ausgehen könnte, grundsätzlich kompatible Vorstellungen einer romantischen oder sexuellen Beziehung zu haben.

Das führt zu der paradoxen Situation, dass ich mehr in der Lage bin mir meine Identität selbst zuzugestehen, je weniger ich mich frei fühle, sie auszudrücken. Ich konnte erst anfangen, die Ressourcen die Queers für sich geschaffen haben – wie zum Beispiel Selbstbezeichnungen – in Anspruch zu nehmen, als ich anfing, auf mich bezogene Queerfeindlichkeit nicht nur zu erleben, sondern auch unter ihr zu leiden. Ich konnte mich erst davon überzeugen, kein heterosexueller Cis-Mann zu sein, als mir die Welt da draußen unmissverständlich mitteilte, dass ich in ihren Augen keiner bin.

Christian Schmacht hat eine frühere Version dieses Textes gelesen und wertvolle Kommentare abgegeben, die ich teilweise eingearbeitet habe. Danke dafür!

Links

Ich habe während des Schreibens einige Texte – leider alle englischsprachig – gelesen in denen Leute aus unterschiedlichen Perspektiven über Queer Impostor Syndrome schreiben:

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