Animal Liberation in Berlin


Während sich Grüne Yuppie-Elite am Samstag auf ihrer Bundesdelegiertenkonferenz in Erfurt vergnügte, war in Berlin Aktivismus angesagt: Eine Demonstration unter dem Motto „Animal Liberation – Escada aus dem Pelzhandel kicken” sollte als Teil einer globalen Kampagne den Druck auf Escada erhöhen. Tierrechtler kritisieren die deutsche Marke für „Luxus“-Bekleidung wegen der Verwendung von Tierpelzen. Die rund 500 Demonstrationsteilnehmer zogen vom Alexanderplatz zur Escada-Boutique in der Friedrichstraße. Neben Escada standen auch andere Symbole der massenhaften Verwertung nichtmenschlichen Lebens in der Kritik, wie beispielsweise eine Nordsee-Filiale (im Bild).

Als Bequemlichkeitsvegetarier hatte ich mich lange Zeit nicht mit den ideologischen Hintergründen des Veganismus beschäftigt; erst durch meinen Kontakt mit der Grünen Jugend Berlin Mitte des Jahres kam ich mit vielen Veganern in Kontakt. Später stieß ich auf eine erhitzte Diskussion in der Jungle World, die im 11. September durch den Beitrag „Tierschutz statt Tierrechtsideologie!“ des Jungle-World-Mitherausgebers Ivo Bozic angestoßen wurde und über Monate entbrandete. Weiteres Gedankenfutter bot der etwas früher veröffentlichte Text
»Da steht ein Pferd auf’m Flur…« – warum Antispeziesismus kein harmloser Schlager ist
und die aus Antispeziesistischen Kreisen stammende Antwort.

Nun, was sind eigentlich die Argumente der Kritiker? Für einen unbedarften Leser mag Veganismus oder Vegetarismus vielleicht nicht die bevorzugte Ernährungsweise sein, mit einer aggressiven Kritik aus linken Kreisen würden die meisten aber vermutlich nicht rechnen. Zu Recht, denn keiner der genannten Kritiker greift Veganismus oder Vegetarismus selbst an. Stattdessen werden die Schlagwörter „politische[r] Veganismus“ und „Tierrechtsideologie“ verwendet, mit denen auch von ideologischen Hintergedanken weitgehend freien Kuhknuddlern und Sojamördern wie mir Positionen in den Kopf gedacht und diese dann scharf verurteilt werden können. Auch inhaltlich kommt kaum eine Kritik ohne das konsequente Zu-Ende-Führen der behaupteten „Tierrechtsideologie“ aus.

Ein beliebter Angriffspunkt ist eine behauptete Nähe des politischen Veganismus zu Ideen des australischen Bioethikers Peter Singer. Singers Präferenzutilitarismus gilt häufig als in äußerster Konsequenz Euthanasie ethisch legitimierend. Mit Bezug auf Singers Theorien behauptet Ivo Bozic beispielsweise, bei Veganismus ginge es um „eine gefährliche Ideologie, denn sie untergräbt die Menschenrechte“. Dabei geht Bozic von der Annahme aus, jede Verschiebung der Grenze zwischen Mensch und Tier müsste entweder ebenso willkürlich wie die aktuelle Grenzziehung sein, sämtliche Lebensformen einschließen und damit nicht praktikabel sein, oder über Konstrukte wie Singers Idee der „Leidensfähigkeit“ funktionieren, wodurch „manchen behinderten Menschen und Neuge­borenen das grundsätzliche Recht auf Leben“ abgesprochen werde. In einem Kommentar schrieb ein Sebastian am 13. September vom Pragmatismus, „einfach nur so wenig leid wie möglich erzeugen und soviel Beitrag zum Leben wie möglich leisten“ zu wollen.

Auch wenn es wichtig und legitim ist, populäre Gedanken und Konzepte konsequent weiterzudenken, halte ich solche Überlegungen nicht für eine geeignete Grundlage, diese Konzepte komplett abzulehnen. Zur Zeit ist die westliche Gesellschaft weit von einer veganen oder vegetarischen Ernährungsweise entfernt, in vielen deutschen Haushalten ist ein Hauptgericht ohne Fleisch undenkbar. Zu diesem Zeitpunkt ist jeder Schritt hin zu einem bewussteren Umgang mit Tieren ebenso richtig wie ein bewussterer Umgang mit der Natur im Allgemeinen. Ähnlich steht es mit noch abstrakteren Überlegungen wie jenen zur zivilisatorischen Emanzipation durch Fleischkonsum, den Wurzeln der Tierrechtsbewegung in antisemitischen Kreisen oder einer Zivilisationsflucht der Tierrechtler – es fällt mir schwer, diese Thesen nicht als hilflos übertheorietisierte Diskreditierungsversuche einer in der konkreten Sache kaum angreifbaren Idee zu sehen. Selbst diese theoretischen Betrachtungen sind meiner Meinung nach mangelhaft.

Zurück zur Demo: Die Route war beeindruckend gut gewählt; mit samstäglichem Alexanderplatz, Hackeschem Markt, der ebenso vollen Oranienburger Straße und der Friedrichstraße konnten viele Personen erreicht werden. Außerdem waren die Teilnehmer aktiv, laut und überdurchschnittlich gut mit Transparenten und Schildern ausgestattet. Die lange Abschlusskundgebung vor Escada mit großer Polizeipräsenz und Kunstaktion konnte das Treiben auf der Friedrichstraße effektiv behindern. Ich habe mich trotz meiner Lederstiefel und der inhaltlichen Differenzen sehr wohl gefühlt und abends sogar noch die Soliparty in der netten K9 besucht, wo es tollen Veganer-Hip-Hop und Essen gab. Übrigens ist die K9 ein wichtiges Element des Berliner Freifunk-Netzes.

Die – immer noch oberflächliche – Beschäftigung mit politischem Veganismus und linker Kritik am Veganismus war interessant und hat mir einige Denkanstöße gegeben. So werde ich mir vermutlich in Zukunft überlegen, ob Lederschuhe wirklich nötig sind, und ob nicht vielleicht Sojasahne viel besser zu einem Gericht passen würde. Einen vollständigen Verzicht auf Milch und Käse würde ich aber als starke Einschränkung ansehen.

2 Antworten auf „Animal Liberation in Berlin“

  1. http://www.heilpaedagogik-online.com/heilpaedagogik_online_0103.pdf

    Singer und Euthanasie in einem Satz ist immer so eine Sache. Überspitzt ist das nicht ganz falsch, andererseits, kommt in Singers Rhetorik nach solchen Sätzen meistens ein nicht unwesentliches Aber. Eine anderes nicht Pathozentrisches Argument kann man hier lesen.

    http://tierethikblog.de/2007/03/15/recht-auf-autonomie-kritik-konsequentialismus-pathozentrismus/

    Zur Demo selbst möchte ich die Kritik anregen, ob das Tierrechtsargument nicht einen möglicherweise ganz entscheidenen Vorteil gewinnen würde, wenn man es aus der „Linken Ecke“ rausrückt. Positionen von Brennenden Naziläden, Weltrevolution und der Abschaffung von Knästen, Unterdrückung, und Krieg in allen Ehren, doch haben diese auf einer Tierrechts- bzw. Antipelzdemo etwas verloren?! Nimmt das dem Argument nicht teilweise seine allgemeine Konsensfähigkeit?

  2. Singer hat den Präferenzutilitarismus entwickelt, bei dem die Kritik aus dem Blog-Abschnitt „Der Tod ist kein Leid“ nicht greift, da der Tod eben eine starke Einschränkung der Fähigkeit zum Nachgehen der eigenen Präferenzen ist. Auch der im weiteren dargestellte Autonomiegedanke ist in Hinblick auf den Präferenzutilitarismus keine wirkliche Neuheit. sondern eher genau der Gedanke, den Singer auch hat.

    Das in „Berechnung globaler Leidensminimierung unmöglich“ dargelegte Problem trifft aber genau so auf das Vergleichen der Autonomiewünsche verschiedener Lebewesen zu – es ist ebenso unmöglich, zu „berechnen“, ob eine Aktion die Autonomie eines Lebewesens mehr einschränkt als sie einem anderen Lebewesen Autonomie ermöglichen würde. Insgesamt kann ich in dem Beitrag daher keine wirkliche Neuigkeiten erkennen.

    Ich denke Peta ist ein deutliches Anzeichen dafür, dass die Tierrechtsdebatte in der Gesellschaft angekommen ist und die Gedanken auch außerhalb einer explizit linken Szene vertreten werden. Insbesondere die Abgrenzung nach Rechts wäre vermutlich mit einer themenmäßigen Reduktion sehr schwer. Außerdem gibt es ja durchaus Theorien, die eine Tierrechtsbewegung untrennbar mit anderen, vor allem feministischen emanzipatorischen Bewegungen sehen, siehe bsw. die Rotes-Pferd-Antwort die oben verlinkt ist.

    Gruß,
    Adrian

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.